Über die Moral der Figur Benigno in Pedro Almodóvars Hable con ella
Die Schlüsselszene des Films befindet sich bei Filmminute 55 genau in der Mitte des Films:
Benigno ist Mittelpunkt eines Gespräches unter Kolleginnen. Im Gegensatz zu seinem Freund Marco, dem als attraktivem spanischen Mann wie selbstverständlich ein großes Geschlecht attestiert wird, wird die Behauptung, der untersetzte Benigno sei schwul, unhinterfragt akzeptiert.
Foucault untersucht in seinem Werk „Sexualität und Wahrheit“ die diskursiven Mechanismen, mit welchen die vorherrschenden Machtverhältnissen die Sexualität bestimmen, denn diese, so Foucault, werden durch gesellschaftlichen Diskurs und performative Handlungen erst erzeugt. Judith Butler geht sogar noch einen Schritt weiter, indem sie Menschen, die außerhalb der heterosexuellen Matrix stehen, den Subjekt-Status innerhalb der Gesellschaft gänzlich aberkennt. Dem Normierungsdruck ist jedes Subjekt in der Gesellschaft unterworfen, sofern es als intelligibel gelten möchte.
Die Verhältnisse, unter denen Benigno aufwächst, entsprechen nicht einer normalen Sozialisation, was dazu führt, dass auch seine Persönlichkeit nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht.
15 Jahre lang pflegte er seine Mutter in einer Art symbiotischer Mutter-Kind-Beziehung. Der Vater vermutlich in Schweden, richtete Benigno sein Leben gänzlich auf die Erfordernisse seiner Mutter ein, die er nicht als behindert bezeichnet, sondern als faul. Erst zwei Monate nach ihrem Tod wendet er sich der Tänzerin Alicia zu.
Den abwesenden Vater in Schweden scheint Benigno weitestgehend verdrängt und dessen Rolle in der Beziehung zur Mutter eingenommen zu haben. Laut Freud tendieren vaterlose Kinder dazu, ihre Aggressionen zu verdrängen, da der in der Ferne idealisierte Vater keine Angriffsfläche für den Ödipuskomplex bietet und die Angst vor einem möglichen Verlust der Mutter zu stark ist, um ihr gegenüber den Aggressionstrieb zu leben. Es führt dazu, dass sie nicht so männlich wirken wie Jungen, die mit einem Vater aufwachsen, und eine starke Loyalität zur Mutter entwickeln. Für Benigno ist diese enge Beziehung zur Mutter ganz normal, und auch ihre vermutlich vorhandende Behinderung wird von ihm durch die Bezeichnung Faulheit normalisiert, während er sie damit unterbewußt aber auch anklagt.
Als diese enge Bindung mit dem Tod der Mutter wegbricht, sucht sich seine Liebe ein neues Projektionsobjekt, die Tänzerin Alicia, und er beginnt zum ersten Mal die Nähe eines anderes Menschen zu suchen, weil ihm, wie er dem Psychiater und Vater von Alicia gesteht, seine Mutter fehlt. Auf dessen Frage, warum er einen Psychiater aufsuche, antwortet er zögernd:
„Weil ich einsam bin, glaub ich.“
Alicias ablehnende Reserviertheit gegenüber Benigno ist in den zwei Aufeinandertreffen der beiden deutlich spürbar. Nur durch den Unfall und das daraus resultierende Koma kann der gelernte Krankenpfleger ihr unkompliziert und ohne Zurückweisung befürchten zu müssen nahe kommen und seine Liebe in der aufopfernden Pflege leben.
Er schildert seinen Lebensalltag mit Alicia als die schönsten vier Jahre seines Lebens. Seine Freizeit besteht darin, ins Ballett oder Kino zu gehen, um der im Koma liegenden Patientin davon zu berichten. Seinem Freund Marco, der den Körper seiner im Koma liegenden Freundin Lydia nicht wiedererkennt, gibt er Lebensratschläge, die dieser unwirsch mit der (dreimal wiederholten) Frage begegnet: »Welche Erfahrungen haben Sie mit Frauen gemacht?« woraufhin Benigno schließlich antwortet: »Na alle, ich habe 20 Jahre mit einer Frau gelebt und seit vier Jahren mit dieser hier.«
Benigno lässt Alicia die selbe Pflege und Aufmerksamkeit zukommen wie zuvor seiner Mutter. Alicia nimmt ihre Position ein. Das kindliche Liebesempfinden Benignos zur Mutter überträgt sich auf sie, ohne dass ihm diese Zusammenhänge bewusst wären. Das empfundene Glück resultiert dabei nicht aus der Körperlichkeit, sondern aus der Freizeit, die er für die im Koma Liegende erlebt und die ihm erst seit dem Tod der Mutter, die ihm noch den Blick aus dem Fenster verboten hatte, möglich ist. Benignos Liebe ist noch eine Objektliebe. Während die Kamera einerseits die Pflegearbeit mit der größtmöglichen Distanz und Routine schildert, bietet sie andererseits dem Zuschauer einen voyeuristischen Blick auf den Körper der Tänzerin und auf seine weiblichen Attribute.
Verstärkt wird dieser Blick durch die anderen Figuren, die ihre Vorbehalte gegenüber der Pflegetätigkeit Benignos deutlich machen. Neben dem Pflegepersonal und Marco sieht sogar Alicias Vater seine Tochter in ihrer Geschlechtlichkeit. Die dadurch auftretende Eifersucht kann nur durch Benignos Schutzbehauptung, schwul zu sein, also eben unter Verlust seines intelligiblen Subjektstatus, begegnet werden. Alicias Körper bewahrt Benigno eher wie ein Objekt, wie ihre Haarsprange, als Bindeglied zu der lebenden Tänzerin, die sie war, beziehungsweise in ihrem weiblichen Gehirn (als Mysterium) noch ist.
Dann aber kommt es zu der entscheidenden Veränderung. »Amante menguante« heißt ein Stummfilm, den Benigno in der Cinemathek sieht. Angelehnt an Jack Arnolds The Incredible Shrinking Man wird eine Geschichte erzählt, die Benignos Verhältnis zu Alicia grundlegend erschüttert.
In "Der schwindende Liebhaber" erkundet ein auf Däumlingsgröße geschrumpfter Mann den Körper seiner schlafenden Frau und findet sich schließlich in ihrem Schoße wieder. Die für ihn übermannsgroße Vagina scheint wie das Ziel aller Sehnsüchte, in das er zu ihrer Verzückung nach einigem Zaudern eindringt und für immer darin verschwindet.
Es könnte den Anschein erwecken, dass Benignos körperliches Begehren anhand des (im Film etwa fünfminütigen) schwarz-weißen Stummfilmes im Stil der 20er Jahre symbolisiert wird. In Wirklichkeit aber wird es durch diesen erst geweckt.
Objektiv gesehen wird ein ewig-währender Beischlaf eines kleinwüchsigen Mannes mit einer schlafenden (komatösen) Frau dargestellt. Die komplexe Symbolik geht jedoch noch darüber hinaus, was nach dem Filmbesuch Benigno in eine großen Verwirrung stürzt.
In dem Film begegnet ihm zum einen eine Liebe zwischen einem Mann und einer Frau, in welcher der Mann der Frau seine Liebe beweisen muss, was dazu führt, dass er schrumpft, also an Wert verliert. Zum anderen wird die Mutter, zu welcher der Mannes flieht, als eine schreckliche Frau beschrieben; aus ihren Händen rettet die Frau den kleinen Mann.
Benigno erkennt nach dieser Rettung den Körper der Frau zum ersten Mal als Sexualobjekt, in das der „kleine Mann“ (der Penis) eindringen möchte. Zugleich ist der kleine Mann ein geschrumpfter Mensch, der als ganzer Mensch wieder in den Schoß der Mutter zurückkehren kann, um wunschlos glücklich (also nie mehr einsam) zu sein. Da die Wahrnehmung der Schlafenden auf eine unterbewusste Wahrnehmung der Reize beschränkt ist, kann sie ihrem Liebhaber keine Aufmerksamkeit und (nach Butler) auch keinen Subjekt-Status gewähren, sondern hat sogar Angst, ihn zu töten. Hergestellt jedoch wird durch Initiative des Mannes die ganz bewusste und unmittelbare Verbindung der beiden über das Eindringen in die Vagina der Schlafenden.
Für Benigno, dessen Liebesempfinden an der engen Beziehung zur Mutter geschult wurde und dessen größte Angst darin bestand, von dieser verlassen zu werden, wird also von der Außenwelt (in Form eines Stummfilms, das heißt indirekt über performative Akte, also den allgemeinen gesellschaftlichen Diskurs) suggeriert, dass dieses absolute Verschmelzen, die Anerkennung als intelligibles Subjekt und die Wahrnehmung durch die Schlafende durch den sexuellen Akt herbeigeführt werden kann, und dass der Versuch, die Einsamkeit für immer zu überwinden, ein Vollständig-Sein mit einem anderen Menschen (Alicia) zu erreichen und (mit der Schlafenden) einen direkten Kontakt herzustellen, nur durch den Beischlaf erreicht werden kann.
Eine Lavalampe ist zu sehen, die zuerst die beiden Bildhälften miteinander verbindet, sich dann aber in der Mitte wieder trennt.
Benigno erfährt am eigenen Leib, dass der von ihm herbeigesehnte Zustand der Verschmelzung nicht zu erreichen ist. In der folgenden Szene ist eine Verunsicherung bei ihm zu spüren, als er darüber spekuliert, worüber die beiden im Koma liegenden Frauen wohl miteinander reden würden. Die offenherzige, immer fröhliche Person ist ist ernst und besorgt. Alicia hat für ihn nun Brüste, sie ist von der Muttergestalt zur Frau geworden, die Distanz, die nun aus seiner Objektliebe eine geschlechtliche Liebe macht, ist für ihn nicht zu überwinden. Während er bislang seine Euphorie im Umgang mit Patienten auf Marcos Beziehung zu Lydia projizierte und ihm Tipps geben konnte, ist in seinem Denken nun die Trennung präsent, die er am eigenen Leibe spürt. So kommt er schließlich, als das Bekanntwerden seines Fehlers unmittelbar bevorsteht, auf die Idee der Heirat, die ein Paar bis in den Tod miteinander verbindet, auch dies ein gesellschaftlich-performativer Akt.
Auch hieran wird der Normierungsdruck deutlich, dem auch Benigno sich beugt. Alicia hatte den Beruf der Tänzerin. Tanzen bringt den Körper in den Vordergrund, und gerade auch das Geschlecht. So beschreibt auch die Tanzlehrerin immer wieder die männlichen und weiblichen Aspekte, die beim Tanz in einen Dialog zueinander treten und auch in einem Widerstreit zueinander stehen. Benignos Einsamkeit beruht darauf, in diesem gesellschaftlichen Tanz-Diskurs (noch) keinen Platz zu haben und von Alicia (und allen anderen Frauen) nicht wahrgenommen zu werden.
Benigno ist der Verrückte. Seine „Reise“ in die heterosexuelle Norm endet im Gefängnis. In seinem Lieblingsreiseführer über Havana, den er nach Bekanntwerden seiner Tat im Gefängnis liest, identifiziert er sich mit der Kubanerin, die am Hafen an ein Fenster gelehnt steht und auf irgendwas wartet.
Hier wird noch einmal symbolisch die Tragweite seines Problems deutlich: Auf einer Insel, fern und abgeschottet von anderen Ländern, ein idealistisches System zu leben, und doch einsam am Fenster zur Welt zu stehen, als Frau nun, sozusagen kastriert, und auf auf etwas zu warten, möglicherweise auf Anerkennung, eine Wiederaufnahme in die Gesellschaft und ein Ende der Einsamkeit.
Das Urteil, das schließlich von der Gesellschaft über Benigno verhängt wird, ist ein Urteil der heterosexuellen Gesellschaft, die ihre Vorstellungen (und ihre Triebe) auf das ihnen fremde Subjekt Benigno überträgt. Aus einem (möglicherweise) einmaligen Zwischenfall wird ein Missbrauch, der die aufopferungsvolle, über Jahre praktizierte Hingabe mit einem Schlag vernichtet, und ihn sogar bei der, ihn als einzige als intelligibles Subjekt außerhalb seines geschlechtlichen Körpers akzeptierenden Person Rosa zu einer Persona-non-grata werden lässt.
Nur Marco, der zehn Jahre lang ebenfalls in eine Phantasie-Gestalt, die nur in seinem Kopf existierte, verliebt war, bleibt ihm verbunden. Im Gefängnis deckt sich Marcos Spiegelbild mit Benigno.
Doch kann Marco, der mit allen Figuren des Films in Kontakt steht und dessen freundschaftliches Verständnis Almodóvar im Zuschauer wecken möchte, Benigno letztendlich nicht retten. Wiederum sind es die Interventionen der Gesellschaft (Abschiebung in Untersuchungshaft), fehlendes Verständnis (Vorgehen des Anwalts) und der gesellschaftliche Diskurs (Berichterstattung der Zeitungen, die Verurteilung seitens des Personals) die eine Lösung verhindern, so dass Benigno sich letztendlich selbst für sein, ihm durchaus bewusstes Fehlverhalten bestraft. Sein Suizid ist der letzte verzweifelte Versuch, aus dem Gefängnis, in dem sein Leben der Insasse ist (und das noch im Bau ist, daher so gut wie leer), zu fliehen und in eine Zukunft zu entkommen, in der er einem Menschen nah zu sein glaubt, also der Einsamkeit zu entkommen, was ihm die Gesellschaft immer verwehrte.
Das wirkliche Ausmaß und die Schwere seiner Schuld existiert am Ende, da nicht im Film präsentiert, nur in der Vorstellung und Phantasie des Zuschauers. Benigno wird somit wieder Opfer eines Diskurses, deren Machtverhältnisse nur der Zuschauer beeinflussen kann. Dieser ist bei seinem Urteil auf sich allein gestellt und hat die Wahl, ob er es sich dabei einfach macht oder nicht.
Freitag, 13. März 2009
Dienstag, 10. März 2009
vögeln
wir zwitschern unsere musik mit kleinsten variationen. und auch wenn der duden seinen sprachschatz in jeder auflage erweitern muss um das ein oder andere junge wort und die rechtfertigung einer neuauflage, es bleibt bei den kreisen, die wir kennen, die jeder nutzt und niemand beweint. wir besingen unsere themen mit stets den gleichen noten. wir behalten den rhythmus, den wir verlassen, stets lang genug, dass wir ihn wieder aufnehmen können. wir springen umher wie kleine moleküle auf der heißen tektonischen herdplatte und landen doch immer wieder auf den füßen, gliedern uns wieder ein, finden uns ein in der wohltat der verständlichkeit neu zurecht, in den armen der vernunft finden wir trost, weil trost auch immer vernünftig ist. oder wir kratzen ab. zack zack geht das. das ist ein crescendo, aber auch das kein neuer ton in der symphonie, nur die winzige pause zwischen zwei achtelnoten, kaum hörbar. doch wie die vögel müssen wir singen. unter der dusche oder auf den hausdächern der virtualität. im radio oder hinter vorgehaltener hand. wie man es von uns erwartet oder die lüge als variation der erwartung nutzend. als ganze note oder mit etwas glück als harmonie zweier halbnoten. unser käfig sind die goldenen federn unseres kleides.
Donnerstag, 1. Januar 2009
zitate zum jahr 2009
Zehn Aphorismen aus Büchern von Robert Lembke:
1. Anerkennung ist eine Pflanze, die vorwiegend auf Gräbern wächst.
2. Wenn die Menschen nur über Dinge reden würden, von denen sie etwas verstehen - das Schweigen wäre bedrückend.
3. Das Fernsehen hat feste Regeln. Bei den Western gewinnen immer die Guten, bei den Nachrichten immer die Bösen.
4. Erwachsene nennen ihre Teddybären Ideale.
5. Mit einigem Geschick kann man sich aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, eine Treppe bauen.
6. Kein Mensch ist so beschäftigt, dass er nicht die Zeit hat, überall zu erzählen, wie beschäftigt er ist.
7. Mitleid bekommt man geschenkt, Neid muss man sich erst mal verdienen.
8. Am sensibelsten reagiert man auf Vorwürfe, die man sich selbst schon gemacht hat.
9. Das Fernsehen ist eine Einrichtung, die uns Filme, derentwegen wir nicht ins Kino gegangen sind, ins Haus bringt.
10. Wenn die Leute sagen, sie hätten ihr Herz verloren, so ist es meistens nur der Verstand.
(quelle: spiegel.de)
1. Anerkennung ist eine Pflanze, die vorwiegend auf Gräbern wächst.
2. Wenn die Menschen nur über Dinge reden würden, von denen sie etwas verstehen - das Schweigen wäre bedrückend.
3. Das Fernsehen hat feste Regeln. Bei den Western gewinnen immer die Guten, bei den Nachrichten immer die Bösen.
4. Erwachsene nennen ihre Teddybären Ideale.
5. Mit einigem Geschick kann man sich aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, eine Treppe bauen.
6. Kein Mensch ist so beschäftigt, dass er nicht die Zeit hat, überall zu erzählen, wie beschäftigt er ist.
7. Mitleid bekommt man geschenkt, Neid muss man sich erst mal verdienen.
8. Am sensibelsten reagiert man auf Vorwürfe, die man sich selbst schon gemacht hat.
9. Das Fernsehen ist eine Einrichtung, die uns Filme, derentwegen wir nicht ins Kino gegangen sind, ins Haus bringt.
10. Wenn die Leute sagen, sie hätten ihr Herz verloren, so ist es meistens nur der Verstand.
(quelle: spiegel.de)
Samstag, 27. Dezember 2008
der zerbrochene turm
wieder schreit dies glockenseil nach gott und ich
vernichtet vom klang einer totenglocke
die wenigen schritte über die steine zum kreuz
zu weit / für nackte füße
niemand erkennt mich ich bin unsichtbar ein
schatten und ihre schwankenden leiber
dauern mich - der himmel verzerrt ein
sonnenstrahl der jeden stern / schändet
inzwischen reißen glocken einen turm inzwei
und unter der haut schneiden zungen sich durch das fleisch
meine bis heute vergeudete stimme
mein gott / ich bin nur ein sklave
was bin ich dass ich nicht lebte verrottet
in einer tiefe / tote wege begleiten mich
verstummte gesänge begleiten mich kein weckruf nur
flache echos / die überall zeugen
eine welt zerbrochen zwischen autos zügen flugzeugen
rascher wahn der liebe nicht mehr
als ein luftzug und niemand / wohin ich auch lange
zerweifelt nach einem ort
reden alles reden verwandelt in luft jedes gefühl
ein abgas in der eigenen nase
welche wunden überzieht etwas haut welche sind
an den rändern zerklüftet / wie gitter
blut färbt die leere in mir in der tiefsee
würde es schwarz / wie sonst soll mich erhalten was keine
antwort enthält – nur die sterblichkeit
jede kraft noch die kleinste erstickt sie
doch wessen blutstrom hörte ich in der nacht
meine venen erinnern sich an manche / nicht mehr
als ein gebet das meine brust am morgen am fenster ausrief
halt mich fest /
doch jeder turm im innern ist ohne stein erbaut
nur ein witz / das weiß schon das märchen – ein mantel
der etwas wärmt bis er durchnäßt ist
mein herz es wird stille sein
ich stehe am kreuzweg und vor mir die landschaft
die ich nicht kannte
welcher himmel umhüllt diese karge erde
welches licht leuchtet mir
(nach hart crane)
vernichtet vom klang einer totenglocke
die wenigen schritte über die steine zum kreuz
zu weit / für nackte füße
niemand erkennt mich ich bin unsichtbar ein
schatten und ihre schwankenden leiber
dauern mich - der himmel verzerrt ein
sonnenstrahl der jeden stern / schändet
inzwischen reißen glocken einen turm inzwei
und unter der haut schneiden zungen sich durch das fleisch
meine bis heute vergeudete stimme
mein gott / ich bin nur ein sklave
was bin ich dass ich nicht lebte verrottet
in einer tiefe / tote wege begleiten mich
verstummte gesänge begleiten mich kein weckruf nur
flache echos / die überall zeugen
eine welt zerbrochen zwischen autos zügen flugzeugen
rascher wahn der liebe nicht mehr
als ein luftzug und niemand / wohin ich auch lange
zerweifelt nach einem ort
reden alles reden verwandelt in luft jedes gefühl
ein abgas in der eigenen nase
welche wunden überzieht etwas haut welche sind
an den rändern zerklüftet / wie gitter
blut färbt die leere in mir in der tiefsee
würde es schwarz / wie sonst soll mich erhalten was keine
antwort enthält – nur die sterblichkeit
jede kraft noch die kleinste erstickt sie
doch wessen blutstrom hörte ich in der nacht
meine venen erinnern sich an manche / nicht mehr
als ein gebet das meine brust am morgen am fenster ausrief
halt mich fest /
doch jeder turm im innern ist ohne stein erbaut
nur ein witz / das weiß schon das märchen – ein mantel
der etwas wärmt bis er durchnäßt ist
mein herz es wird stille sein
ich stehe am kreuzweg und vor mir die landschaft
die ich nicht kannte
welcher himmel umhüllt diese karge erde
welches licht leuchtet mir
(nach hart crane)
The broken tower
The bell-rope that gathers God at dawn
Dispatches me as though I dropped down the knell
Of a spent day - to wander the cathedral lawn
From pit to crucifix, feet chill on steps from hell.
Have you not heard, have you not seen that corps
Of shadows in the tower, whose shoulders sway
Antiphonal carillons launched before
The stars are caught and hived in the sun's ray?
The bells, I say, the bells break down their tower
And swing I know not where. Their tongues engrave
Membrane through marrow, my long-scattered score
Of broken intervals... And I, their sexton slave!
Oval encyclicals in canyons heaping
The impasse high with choir. Banked voices slain!
Pagodas, campaniles with reveilles outleaping -
O terraced echoes prostrate on the plain! ...
And so it was I entered the broken world
To trace the visionary company of love, its voice
An instant in the wind (I know not whither hurled)
But not for long to hold each desperate choice.
My word I poured. But was it cognate, scored
Of that tribunal monarch of the air
Whose thigh embronzes earth, strikes crystal Word
In wounds pledged once to hope - cleft to despair?
The steep encroachments of my blood left me
No answer (could blood hold such a lofty tower
As flings the question true?) - or is it she
Whose sweet mortality stirs latent power? -
And through whose pulse I hear, counting the strokes
My veins recall and add, revived and sure
The angelus of wars my chest evokes:
What I hold healed, original now, and pure...
And builds, within, a tower that is not stone
(Not stone can jacket heaven) - but slip
Of pebbles, - visible wings of silence sown
In azure cicles, widening as they dip
The matrix of the heart, lift down the eye
That shrines the quiet lake and swells a tower...
The commodious, tall decorum of that sky
Unseals her earth, and lifts love in its shower.
Dispatches me as though I dropped down the knell
Of a spent day - to wander the cathedral lawn
From pit to crucifix, feet chill on steps from hell.
Have you not heard, have you not seen that corps
Of shadows in the tower, whose shoulders sway
Antiphonal carillons launched before
The stars are caught and hived in the sun's ray?
The bells, I say, the bells break down their tower
And swing I know not where. Their tongues engrave
Membrane through marrow, my long-scattered score
Of broken intervals... And I, their sexton slave!
Oval encyclicals in canyons heaping
The impasse high with choir. Banked voices slain!
Pagodas, campaniles with reveilles outleaping -
O terraced echoes prostrate on the plain! ...
And so it was I entered the broken world
To trace the visionary company of love, its voice
An instant in the wind (I know not whither hurled)
But not for long to hold each desperate choice.
My word I poured. But was it cognate, scored
Of that tribunal monarch of the air
Whose thigh embronzes earth, strikes crystal Word
In wounds pledged once to hope - cleft to despair?
The steep encroachments of my blood left me
No answer (could blood hold such a lofty tower
As flings the question true?) - or is it she
Whose sweet mortality stirs latent power? -
And through whose pulse I hear, counting the strokes
My veins recall and add, revived and sure
The angelus of wars my chest evokes:
What I hold healed, original now, and pure...
And builds, within, a tower that is not stone
(Not stone can jacket heaven) - but slip
Of pebbles, - visible wings of silence sown
In azure cicles, widening as they dip
The matrix of the heart, lift down the eye
That shrines the quiet lake and swells a tower...
The commodious, tall decorum of that sky
Unseals her earth, and lifts love in its shower.
Der Zerbrochene Turm
- eine kurze Begegnung mit Hart Crane
(* 21. Juli 1899 in Garrettsville, Ohio; † 26. April 1932 in Florida)
Ich erinnere mich an den Golf von Mexiko. Noch nicht ganz Tag. Das Schiff, die S.S. Orizaba, schiebt sich, schwerfällig und mit rußenden Atemzügen über die ruhige See. Es geht zurück, zurück nach Amerika, von Vera Cruz nach New York, und den an Deck Stehenden klingt eine seltsame Stille. Drüben sitzt Ernest an der Reling und fischt. Ich kann ihn mir gar nicht anders vorstellen. Entweder er sitzt hinter seiner großen Angel oder hinter einer qualmenden Pfeife mit südamerikanischem Tabak.
Oder ich sehe ihn als Großwildjäger, der von Löwen träumt. Warum er auf diesem Schiff ist, ich weiß es nicht.
– Beißen sie? rufe ich zu ihm herüber.
– Das werden sie, antwortet er.
Das Lächeln eines inzwischen über Dreißigjährigen. Im Krieg noch freiwillig an der italienischen Front, als Fahrer eines Ambulanzwagens. Nach nur drei Monaten schwer verwundet zurückgekehrt. Jetzt sitzt er da als wäre nichts passiert. Körperliche Wunden verheilen zu leicht. Die Welt steuert auf den nächsten Krieg zu. Und alle wissen es.
Für einen Moment fühle ich mich unwohl, so klein auf dem weiten Ozean. Das Schiff pflügt zu beiden Seiten Wellen, die in ein paar Tagen irgendwo an einen Strand rollen werden. In der Ferne ein dunkler Streifen, vielleicht Land. Und dazwischen diese bodenlose Ebene, unter der, so friedlich, bald die U-Boote kreuzen wie unaufhaltsame Meteore.
Und Hart Crane wird schweigen, mit unendlicher Geduld.
Gerade tritt er, entspannt und ruhig wirkend, an Deck. Sein fester Gesichtsausdruck beeindruckt mich, er tritt an Deck wie ein Denkmal, über alle Dinge erhaben. Ich habe schon einiges über ihn gehört, besonders von seinen sexuellen Vorlieben, seinem Abonnement einer Matrosen-Zeitschrift – doch das sind Dinge, die mich nichts angehen. Mich interessieren seine Worte, seine Werke. Er tritt an Deck in Pyjama und Bademantel. Ungewöhnlich. Es ist Ende April, dreihundert Meilen nördlich von Havanna. Die Sonne steht frühmorgens noch nicht hoch. Der Wind ist kühl.
– Das soll 'n Dichter sein.
Ein Matrose ist an mich herangetreten.
– War letzte Nacht unten im Quartier und hat ganz schön Ärger gemacht. Wollte einen einstecken, doch hat nur Schläge kassiert.
Er lacht.
– Wird ihm vielleicht 'ne Lehre sein.
Der Mann legt seine Hand auf meine Schulter, als würden wir uns schon lange kennen. Ein Gesichtsausdruck, als wollte er sagen, dass man doch nicht Dichter sein kann. Dann schüttelt er gutmütig den Kopf und geht. Ich muss an Cranes Vater denken; der wollte dem Sohn die pubertäre Krankheit, den "poetischen Unsinn" mit gutbürgerlicher Arbeit austreiben. Er selbst war neureicher Süßwarenhersteller und betrog seine Frau. Die Ehe zerbrach nach und nach.
In einer dieser Krisen hatte die Mutter ihren Sohn zur großväterliche Plantage auf Kuba mitgenommen, eine Reise, eine Erfahrung, die den jungen Knaben für immer zeichnen sollte. In seiner eigenen Ausgrenzung, die er schon damals spürte, wurde das Meer zum Symbol einer beinahe grenzenlosen, mystischen Kraft, einer Kraft der Liebe, einer Sehnsucht nach Einheit und verlorener Harmonie. Diese Sehnsucht bestimmte sein Werk, sein Leben.
Neunzehnsechsundzwanzig erschienen die White Buildings, eine Sammlung größtenteils schon veröffentlichter Gedichte. Alle übrigen habe er verbrannt, vernichtet, heißt es. In ihnen findet die Sehnsucht ihren Ausdruck in dunkler, gedrungener Sprache. Eine tiefe Vision der wahren Natur des Menschen, mit dem Meer in ihrem Zentrum, als der menschlichen Natur verloren. Der Dichter selbst steht isoliert in einer materialistischen und kunstfeindlichen Welt, das Leben samt Leid zu einer höheren, künstlerischen Einheit zu verbinden suchend. Doch ihm selbst sollte dies niemals gelingen. So beschreibt er das Meer auch als bedrohlich, und seinen Grund als grausam.
Ich kenne ihn, ich glaube gut, wie er dort steht, hoch über dem Wasser. Mir ist, als sähe ich sein ganzes Leben vor mir. Mit siebzehn publizierte er die ersten seiner Gedichte. Er war nach New York gekommen, in die große Stadt, schloss Bekanntschaften dort, kam bis nach Paris, las und lernte. Seine Worte orientierten sich noch an den französischen Symbolisten und am Imagismus. Doch klingt in ihnen bereits eine eigene Sprache in Anlehnung an T.S.Eliot, den Hart Crane wie keinen anderen verehrte.
Gestern las ich einen Brief von ihm. Darin schreibt er, was für eine fürchterliche Versuchung es sei, Eliot zu imitieren. Es raube ihm die Sinne. Doch gleichzeitig glaubte er, einen Weg erkannt zu haben, sein Vorbild zu überwinden, ihn gleichermaßen zu durchqueren und eine positive Vision im Gegensatz zu Eliots The Waste Land zu entwerfen.
Das war zweiundzwanzig, ein Jahr später begann er die Arbeit an seinem Hauptwerk, das ihn schwierige sieben Jahre lang begleiten sollte, ein Zyklus von fünfzehn Gedichten unter dem Titel: The Bridge.
Seine Arbeit glich zu jener Zeit einem bedingungslosen Stürmen, die Visionen brachen im Rausch in schweren Schüben aus ihm hervor, durch die Wände seines Zimmers klangen die Rhythmen kubanischer Rumbas, vermischt mit dem Schlagen der Schreibmaschine und dem Gestank des Alkohols. Wenn er nach Stunden wieder auftauchte, hielt er in seiner Hand ein paar Blätter, maschinenbeschrieben, bereits korrigiert, überarbeitet, wie aus Stein geschlagen.
Das erste Gedicht trug den Titel The Brooklyn Bridge.
Diese Brücke hatte er von seinem Fenster in New York aus gesehen. Ich bat Jahre später die Vermieterin, unten auf mich zu warten.
– Jaja, schaun se ruhig. Macht 400, zahlbar am ersten, in bar und im voraus. Klingeln se unten, sonst ziehn se die Tür einfach zu hinter sich.
Die Wohnung: leer, kahl und verwaist. In der Tiefe wälzt sich laut und primitiv der Verkehr. Doch darüber, über halb verfallenen dunklen Häusern steht sie, zwischen Manhatten und Broklyn, aus Stahl, Sandstein und Granit. Die Broklyn Bridge. Eine aus dem Wasser ragende Harfe. Sie steht bei Crane für den Brückenschlag schlechthin. Sie hebt sich dem Dichter wie ein Wegweiser aus dem umgebenden Großstadtmilieu und deutet zur, von ihm gesuchten, metaphysischen Sprache des Himmels, die allem bewussten Denken überlegen ist.
Ich ziehe die Tür hinter mir zu.
Mehr und mehr machte der Alkohol dem Dichter in den folgenden Jahren dieses Aufspüren schwerer und schwerer, immer wieder kam es zu größeren und kleineren Katastrophen, zerbrochenes Mobiliar, Schlägereien, Exzesse – immer kürzer wurden die Phasen, in denen er zu arbeiten vermochte. Doch dann waren es wieder diese peitschenden Gewitterschauer, in denen er ganze Gedichte in einem Zug vollendete.
Den Zyklus stellte er am Ende unter großen persönlichen und dichterischen Zweifeln fertig. Zu lange hatte die Arbeit gedauert. Die beinahe mystische Vision, die ihnen zugrundeliegt, eine Synthese aller Rassen und Zeiten Amerikas unter einem dichterischen Brückenschlag, hatte für Crane die Zeit nicht überdauert. Die Gedichte leben in einer hermetischer Sprache und Metaphorik, welche den Sinn nicht festlegt, sondern frei fließen lässt. Doch schon weit vor dem Tag ihrer Veröffentlichung hatte der Zyklus für Crane alle schöpferische Energie verloren.
Nachdenklich, alle Kraft aus ihm gewichen, jede Spannung, jede Fähigkeit seine Gedanken in Worte zu fassen, verloren, sah man ihn häufig schweigen die letzten Tagen.
In Mexiko vollendete er noch sein letztes großes Gedicht. Vielleicht sein bestes. The broken tower. Ein Liebesgedicht, das hin und her schwankt zwischen innerer Zerrissenheit und der Hoffnung auf einen neuen, heilen, inneren Turm, den er doch nie gefunden hat.
Vielleicht, denke ich, ist dies der Weg einer an der eigenen Andersartigkeit zugrundegehenden Seele, der auf dieser Welt jede Stütze verwehrt bleibt.
Nun steht er hinten an der Reling. Er legt langsam seinen Bademantel ab, hängt ihn mit Sorgfalt zusammengefaltet über die Brüstung. Er steht noch einen Moment da, in seinen Augen glänzen die Sirenen des Meeres. Man kann ihn lächeln sehen. Vor ihm liegt das letzte Versprechen seines Lebens.
Dann springt er.
Ein Augenblick – Erstarrung. Dann der Ruf: Mann über Bord! Die Matrosen eilen heran. Der fremde Körper taucht noch ein letztes Mal zwischen den Fluten auf, dann bleibt er verschwunden.
Ich schaue zu Ernest hinüber. Er sitzt ungerührt da, blickt aufs Meer, als ginge ihn dies alles überhaupt nichts an.
– Ab Juli kann man jeden Tag einen Marlin fischen, sagt er.
Und ich weiß, dass er recht hat.
(* 21. Juli 1899 in Garrettsville, Ohio; † 26. April 1932 in Florida)
Ich erinnere mich an den Golf von Mexiko. Noch nicht ganz Tag. Das Schiff, die S.S. Orizaba, schiebt sich, schwerfällig und mit rußenden Atemzügen über die ruhige See. Es geht zurück, zurück nach Amerika, von Vera Cruz nach New York, und den an Deck Stehenden klingt eine seltsame Stille. Drüben sitzt Ernest an der Reling und fischt. Ich kann ihn mir gar nicht anders vorstellen. Entweder er sitzt hinter seiner großen Angel oder hinter einer qualmenden Pfeife mit südamerikanischem Tabak.
Oder ich sehe ihn als Großwildjäger, der von Löwen träumt. Warum er auf diesem Schiff ist, ich weiß es nicht.
– Beißen sie? rufe ich zu ihm herüber.
– Das werden sie, antwortet er.
Das Lächeln eines inzwischen über Dreißigjährigen. Im Krieg noch freiwillig an der italienischen Front, als Fahrer eines Ambulanzwagens. Nach nur drei Monaten schwer verwundet zurückgekehrt. Jetzt sitzt er da als wäre nichts passiert. Körperliche Wunden verheilen zu leicht. Die Welt steuert auf den nächsten Krieg zu. Und alle wissen es.
Für einen Moment fühle ich mich unwohl, so klein auf dem weiten Ozean. Das Schiff pflügt zu beiden Seiten Wellen, die in ein paar Tagen irgendwo an einen Strand rollen werden. In der Ferne ein dunkler Streifen, vielleicht Land. Und dazwischen diese bodenlose Ebene, unter der, so friedlich, bald die U-Boote kreuzen wie unaufhaltsame Meteore.
Und Hart Crane wird schweigen, mit unendlicher Geduld.
Gerade tritt er, entspannt und ruhig wirkend, an Deck. Sein fester Gesichtsausdruck beeindruckt mich, er tritt an Deck wie ein Denkmal, über alle Dinge erhaben. Ich habe schon einiges über ihn gehört, besonders von seinen sexuellen Vorlieben, seinem Abonnement einer Matrosen-Zeitschrift – doch das sind Dinge, die mich nichts angehen. Mich interessieren seine Worte, seine Werke. Er tritt an Deck in Pyjama und Bademantel. Ungewöhnlich. Es ist Ende April, dreihundert Meilen nördlich von Havanna. Die Sonne steht frühmorgens noch nicht hoch. Der Wind ist kühl.
– Das soll 'n Dichter sein.
Ein Matrose ist an mich herangetreten.
– War letzte Nacht unten im Quartier und hat ganz schön Ärger gemacht. Wollte einen einstecken, doch hat nur Schläge kassiert.
Er lacht.
– Wird ihm vielleicht 'ne Lehre sein.
Der Mann legt seine Hand auf meine Schulter, als würden wir uns schon lange kennen. Ein Gesichtsausdruck, als wollte er sagen, dass man doch nicht Dichter sein kann. Dann schüttelt er gutmütig den Kopf und geht. Ich muss an Cranes Vater denken; der wollte dem Sohn die pubertäre Krankheit, den "poetischen Unsinn" mit gutbürgerlicher Arbeit austreiben. Er selbst war neureicher Süßwarenhersteller und betrog seine Frau. Die Ehe zerbrach nach und nach.
In einer dieser Krisen hatte die Mutter ihren Sohn zur großväterliche Plantage auf Kuba mitgenommen, eine Reise, eine Erfahrung, die den jungen Knaben für immer zeichnen sollte. In seiner eigenen Ausgrenzung, die er schon damals spürte, wurde das Meer zum Symbol einer beinahe grenzenlosen, mystischen Kraft, einer Kraft der Liebe, einer Sehnsucht nach Einheit und verlorener Harmonie. Diese Sehnsucht bestimmte sein Werk, sein Leben.
Neunzehnsechsundzwanzig erschienen die White Buildings, eine Sammlung größtenteils schon veröffentlichter Gedichte. Alle übrigen habe er verbrannt, vernichtet, heißt es. In ihnen findet die Sehnsucht ihren Ausdruck in dunkler, gedrungener Sprache. Eine tiefe Vision der wahren Natur des Menschen, mit dem Meer in ihrem Zentrum, als der menschlichen Natur verloren. Der Dichter selbst steht isoliert in einer materialistischen und kunstfeindlichen Welt, das Leben samt Leid zu einer höheren, künstlerischen Einheit zu verbinden suchend. Doch ihm selbst sollte dies niemals gelingen. So beschreibt er das Meer auch als bedrohlich, und seinen Grund als grausam.
Ich kenne ihn, ich glaube gut, wie er dort steht, hoch über dem Wasser. Mir ist, als sähe ich sein ganzes Leben vor mir. Mit siebzehn publizierte er die ersten seiner Gedichte. Er war nach New York gekommen, in die große Stadt, schloss Bekanntschaften dort, kam bis nach Paris, las und lernte. Seine Worte orientierten sich noch an den französischen Symbolisten und am Imagismus. Doch klingt in ihnen bereits eine eigene Sprache in Anlehnung an T.S.Eliot, den Hart Crane wie keinen anderen verehrte.
Gestern las ich einen Brief von ihm. Darin schreibt er, was für eine fürchterliche Versuchung es sei, Eliot zu imitieren. Es raube ihm die Sinne. Doch gleichzeitig glaubte er, einen Weg erkannt zu haben, sein Vorbild zu überwinden, ihn gleichermaßen zu durchqueren und eine positive Vision im Gegensatz zu Eliots The Waste Land zu entwerfen.
Das war zweiundzwanzig, ein Jahr später begann er die Arbeit an seinem Hauptwerk, das ihn schwierige sieben Jahre lang begleiten sollte, ein Zyklus von fünfzehn Gedichten unter dem Titel: The Bridge.
Seine Arbeit glich zu jener Zeit einem bedingungslosen Stürmen, die Visionen brachen im Rausch in schweren Schüben aus ihm hervor, durch die Wände seines Zimmers klangen die Rhythmen kubanischer Rumbas, vermischt mit dem Schlagen der Schreibmaschine und dem Gestank des Alkohols. Wenn er nach Stunden wieder auftauchte, hielt er in seiner Hand ein paar Blätter, maschinenbeschrieben, bereits korrigiert, überarbeitet, wie aus Stein geschlagen.
Das erste Gedicht trug den Titel The Brooklyn Bridge.
Diese Brücke hatte er von seinem Fenster in New York aus gesehen. Ich bat Jahre später die Vermieterin, unten auf mich zu warten.
– Jaja, schaun se ruhig. Macht 400, zahlbar am ersten, in bar und im voraus. Klingeln se unten, sonst ziehn se die Tür einfach zu hinter sich.
Die Wohnung: leer, kahl und verwaist. In der Tiefe wälzt sich laut und primitiv der Verkehr. Doch darüber, über halb verfallenen dunklen Häusern steht sie, zwischen Manhatten und Broklyn, aus Stahl, Sandstein und Granit. Die Broklyn Bridge. Eine aus dem Wasser ragende Harfe. Sie steht bei Crane für den Brückenschlag schlechthin. Sie hebt sich dem Dichter wie ein Wegweiser aus dem umgebenden Großstadtmilieu und deutet zur, von ihm gesuchten, metaphysischen Sprache des Himmels, die allem bewussten Denken überlegen ist.
Ich ziehe die Tür hinter mir zu.
Mehr und mehr machte der Alkohol dem Dichter in den folgenden Jahren dieses Aufspüren schwerer und schwerer, immer wieder kam es zu größeren und kleineren Katastrophen, zerbrochenes Mobiliar, Schlägereien, Exzesse – immer kürzer wurden die Phasen, in denen er zu arbeiten vermochte. Doch dann waren es wieder diese peitschenden Gewitterschauer, in denen er ganze Gedichte in einem Zug vollendete.
Den Zyklus stellte er am Ende unter großen persönlichen und dichterischen Zweifeln fertig. Zu lange hatte die Arbeit gedauert. Die beinahe mystische Vision, die ihnen zugrundeliegt, eine Synthese aller Rassen und Zeiten Amerikas unter einem dichterischen Brückenschlag, hatte für Crane die Zeit nicht überdauert. Die Gedichte leben in einer hermetischer Sprache und Metaphorik, welche den Sinn nicht festlegt, sondern frei fließen lässt. Doch schon weit vor dem Tag ihrer Veröffentlichung hatte der Zyklus für Crane alle schöpferische Energie verloren.
Nachdenklich, alle Kraft aus ihm gewichen, jede Spannung, jede Fähigkeit seine Gedanken in Worte zu fassen, verloren, sah man ihn häufig schweigen die letzten Tagen.
In Mexiko vollendete er noch sein letztes großes Gedicht. Vielleicht sein bestes. The broken tower. Ein Liebesgedicht, das hin und her schwankt zwischen innerer Zerrissenheit und der Hoffnung auf einen neuen, heilen, inneren Turm, den er doch nie gefunden hat.
Vielleicht, denke ich, ist dies der Weg einer an der eigenen Andersartigkeit zugrundegehenden Seele, der auf dieser Welt jede Stütze verwehrt bleibt.
Nun steht er hinten an der Reling. Er legt langsam seinen Bademantel ab, hängt ihn mit Sorgfalt zusammengefaltet über die Brüstung. Er steht noch einen Moment da, in seinen Augen glänzen die Sirenen des Meeres. Man kann ihn lächeln sehen. Vor ihm liegt das letzte Versprechen seines Lebens.
Dann springt er.
Ein Augenblick – Erstarrung. Dann der Ruf: Mann über Bord! Die Matrosen eilen heran. Der fremde Körper taucht noch ein letztes Mal zwischen den Fluten auf, dann bleibt er verschwunden.
Ich schaue zu Ernest hinüber. Er sitzt ungerührt da, blickt aufs Meer, als ginge ihn dies alles überhaupt nichts an.
– Ab Juli kann man jeden Tag einen Marlin fischen, sagt er.
Und ich weiß, dass er recht hat.
Samstag, 13. Dezember 2008
die kirche verfolgt aus liebe
ich weiß nicht, ob ich das jetzt richtig verstanden habe... die kirche sagt also, wenn ich nicht an den Don glaube und das staatlich-sanktionierte schutzgeld (sic!) bezahle, komme ich gleich nach ende meines sündenhaften, weil humanistischen lebens in die hölle, wo ich ewige qualen (vielleicht privatfernsehen?!) erleiden werde. zur legitimation stützt sie sich auf die übersetzung einer übersetzung eines größtenteils vor über 2000 jahren geschriebenen episodenbuches mit texten der russenmafia aus dem gebiet des heutigen st.petersburg, als man noch glaubte, die erde sei eine scheibe und die frau aus der rippe des mannes geschaffen worden, und sie behaupten, dieses buch sei wahr, weil es direkt vom allwissenden weihnachtsmann persönlich diktiert wurde. im zweiten teil des buches geht es hauptsächlich um einen phantastischen schuldeneintreiber und arzt und tischler und chef de cuisine, der wegen einer gefälschten abstammungsurkunde vom amerikanischen geheimdienst abgemurkst wurde, nach drei tagen im grab als widergänger aber wieder auftauchte und dann mit hilfe eines traktorstrahls von außerirdischen im himmel entführt und nie wieder gesehen wurde. seitdem warten wir auf ihn und den tag des jüngsten gerichts, an dem alle mafiosi freigesprochen und auf die welt entlassen werden, wo sie zusammen mit widerauferstandenen toten zombie-mafiosi und engel alle anderen menschen erbarmungslos abschlachten werden. hm... ja... und warum noch gleich kostete es 24 euro, wenn ich bei diesem verein nicht mehr mitmachen möchte??
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