Donnerstag, 6. August 2009

lulu

das ausstellungsstück : leere. es wird an raum gespart. es wird nicht an
raum gespart. innerhalb des raumes bietet der raum projektionsfläche im
übermaß. es ist ausverkauf. die kerzengeraden horizontalen. die linien in
die tiefe. die fluchtpunkte. kernschatten. die farbtöne hände, lulu,
dreimal deine hände, das aufspielen der markierungen auf den rest des
raums, wenn sie sich versäumen : sie haben einen platz gefunden. alter,
das hübsch stillhält. du weisst, warum sie dich ausstatten, dir einen
besuch abstatten, das künstliche der schnelligkeit ist das wort für licht.
du bist raum, bist entschleunigt, langsam, schnell, der schatten als der
auszufüllende raum in reduktion auf zwei ebenen. das augenlid als
schatten, das handinnenmaß als schatten, das bein, hoch aufgestreckt,
schlank, sich am imaginären punkt schneidend, aufgefaltet als schatten,
das augenlid als leinwand. können wir nicht tauschen (tanzen), das hemd
über den hosenbund tiefer ziehen, stück um stück, über den hosenbund, den
schritt, das weisse hemd, tiefer ziehen. das gelbe geschöpf (etwas) tritt
hervor, daraus, jetzt - mit über den hosenbund gezogener hose - bloß ein
geist, betritt er sogar noch ihren schatten. rot. keine bühne, hier
verliert er an raum, weil er ihn aufgibt, er, der wie sie auch nur im
licht steht, das aus der dunkelheit geworfen, den raum erst erzeugt. bis
er ganz langsam geht, ein halbes jahr in siebten himmel, das nimmt dir
niemand mehr. entschleunige dich, langsam, schnell. bis er eingeht. und
ab. dann ist es vorbei. leere ist im raum mit dir, lulu, deine drei hände,
dein falzgraben, so ist es in ordnung, so steht es geschrieben, dass die
schönheit einstürzen würde wie von einer inneren verstrebung befreit. oder
: mit der ordnung übernimmt man sich manchmal. überall drehen sie dir das
licht. die welt wird überwacht, dass es das blinzeln dann befiehlt. ein
zehntel jeder minute. ein zehntel des lebens, bleibende wortübergänge.
ohne bewußtsein. viel war nicht zu entnehmen (entehren). in diesen
momenten ist mit der sprache, ist mit der kunst allein ihnen nicht
beizukommen. was sie nehmen ist im innern des raums. es bleibt die
projektionsfläche der schatten. fremdzeigung (zeugung) sagt jemand. der
raum ist ohne feste punkte. jede bewegung im raum bewegt sich zu dir. es
wäre romantisch geworden, die blaue dunkelheit, anlehnungen usw. wenn die
schatten sich nah sind. doch unmerklich wird sie zu viert. dann noch die
schatten. dann noch das herannahen des todes spüren. das gleichzeitige
auftauchen des todes und eines anderen. den müll zwischen den beinen
durchschlucken. überall lauern geschöpfe und sogar die schatten der waffen
weisen auf schattenköpfe. das erleben der einzelnen schüsse von menschen
im eigenen leib. das betteln danach geht reihum. das schwarz danach geht
reihum. die eine nacht, die immer die selbe nacht ist, geht reihum. das
für gut nehmen des schlechten. das sich gegen das werden auflehnen, als
hätte man in einem roman lesen wollen, oder : in der zeit (unmerklich) ist
der raum kleiner geworden. alter, das schon stillhält. das weiss ist nicht
heilbar, nicht heller, nur näher ist es. oder als der mond hell am himmel
stand / sie sagte ich liebe ich liebe ich liebe. warum aber liebte sie
mich? deine hände, lulu, die zu boden sinkenden hände (schiffe) die zum
meeresgrund neigen. schönheit krankt an der see. wenn sie sich die
gelegenheit entgehen liesse, eine emotion zu äußern, dass es nicht
schiene, als sei sie allein der kühlen auffangbarkeit ihrer seele
unterworfen, dass sie sich zurückziehe hinter die fassade ihrer schönheit,
dass sie die leinwand, auf der die schatten tanzen, mit ihrem wesen nicht
weiter verwechseln oder bereichern könne. trotz den göttern. nur einer
mauer der minute schweigen. die weisse haut, deine, meine, die
unberührbarkeit eines gemeinsamen äußeren, die sentenzen ihrer augen, das
selbst, das sich ganz in die schönheit zurückziehen meiner augen, ihr
mund. dass die schönheit einstürzen würde wie von einer inneren
verstrebung befreit, sollte das selbst, das subjekt, der charakter aus
diesem körper austreten, sich nach außen äußern, sich veräußern, sich
äußerst verletzlich machen, wo ist denn die schönheit im innern, die
charakterlosigkeit, die verderbnis, wenn sie in diesen momenten die leere
ausbildet und sich selbst (zeugend) nicht begreift? bis ins innere dieser
blauen seele kann ich blicken.

Montag, 30. März 2009

Galileo

Medienanalyse der Sendung: Galileo, Pro7, Freitag, 27.März 2009

Das Infotainmentmagazin Galileo läuft sonntags bis freitags von 19:10 Uhr bis 20:15 Uhr auf dem Privatsender Pro7. In der Fernsehwerbung relativ häufig als „Wissenschafts-Magazin“ bezeichnet, trägt die Sendung selbst keinen solchen Untertitel, wird auf der Internetseite des Senders allerdings als „das ProSieben Wissensmagazin“ tituliert. Mit diesem feinen Unterschied von Wissen und Wissenschaft wird nicht nur im Titel der Sendung gespielt, sondern auch in der scheinbar wissenschaftlichen Aufmachung der Sendung. Da diese sich an eine vornehmliche junge Zuschauerschaft richtet, wird diese den Unterschied zu seriösen Wissens- und Wissenschaftsmagazinen, wie sie beispielsweise die öffentlich-rechtlichen Sender anbieten, kaum bemerken.
Dieser Eindruck ist auch in der Sendung vom 27.März 2009 erkennbar. Der erste Beitrag ist ein „fake-check“. Ein offensichtlich manipuliertes Video von der Internetplattform youtube wird gezeigt, in dem ein Bruce Lee-Double Tischtennis mit einem Nunchaku (einer asiatischen Kampf-Sportwaffe) spielt, und das in einem ausführlichen, 13-minütigen Bericht auf seine Echtheit überprüft wird. Immer wieder wird das falsche Video gezeigt, um auch Späteinschaltern einen Einstieg in den Bericht zu ermöglichen, dabei wird der Kämpfer nur noch Bruce Lee genannt, obwohl dieser seit 1973 tot ist, sein Name soll jedoch Interesse für den Bericht wecken. Es werden echte Tischtennisspieler zur Echtheit befragt, die somit als Experten dienen. Die Aussagen sind jedoch simpel: „Der wesentliche Unterschied zwischen Holzstab und Tischtennisschläger ist die Schlagfläche.“ Dazu werden Zeitlupenaufnahmen gezeigt, um die Aussage zu „beweisen“. Anschließend wird Ausführlich der Bau eines Nunchakus gezeigt, dessen Besitz und Handhabung in Deutschland allerdings gesetzlich verboten sind, dessen Nachbau nun aber für jeden Zuschauer möglich ist. Die Handhabung wird von einem deutschen Kung-Fu Meister demonstriert, der schließlich „durch einen Trick“ und „nach langem Training“ im Spiel gegen den Tischtennisprofi jeden Ball trifft („Die Zeitlupe beweist es.“). Am Ende des Berichts bekennen die Redakteure, dass sie „nach langer Recherche“ herausgefunden haben, dass der Ball mit dem Computer hineingeschnitten wurde.
Im zweiten Bericht sollen acht Tricks verraten werden, mit denen der Kunde in Ikea-Filialen zum Kauf verführt werden soll. Was wie eine kritische Betrachtung der Verkaufsstrategie klingt, wird zu einem 15-minütigen Werbefilmchen zu einer neuen Ikea-Filiale. Ausführlich werde die einzelnen Abteilungen genannt, einzelne Produkte und ihr Zweck werden beschrieben, es wird immer wieder der niedrige Preis genannt und die gute Qualität. Untermauert werden die acht Tricks durch Experten (vornehmlich Ikea-Mitarbeiter), welche den Laien (den Zuschauern) alles erklären. Auch psychologische Studien werden zitiert. Am Ende wird das Fazit präsentiert, dass man dank der psychologischen Tricks nach einem Besuch bei Ikea, obwohl man nichts kaufen wollte und dennoch viel zu viel kaufte, trotzdem das Gefühl hat, Geld gespart zu haben. „Wenn das nichts ist in Zeiten der Wirtschaftskrise...“
Dem Verdacht, dass der Zuschauer gerade eine Vermischung von Werbung und Programm aufgesessen sein könnte, begegnet der Sender, indem nach der Werbung für Ikea nun der fünf minütige Werbeblock eingespielt wird.
Danach geht es mit der Suche nach dem besten Kochbuch weiter. Auch hier wird nicht deutlich, nach welchen Kriterien die vier Kochbücher und das online-Kochbuch ausgewählt wurden. Auch sind die Marken verwendeter Zutaten immer wieder im Bild zu sehen. Unerfahrene, aber sehr attraktive Köche der Zielgruppe testen und bewerten, der Wettkampf wird durch das martialische Vokabular noch verstärkt, das stark an die Programmvorschauen z.B. zur Mysterie-Serie Fringe erinnert, die davor zu sehen war. Immer wieder werden Tabellenstand genannt, Fehler und Chancen ins Spiel gebracht, die Schnittfolge ist schnell, immer wieder wird zwischen den Kontrahenten hin- und hergeschnitten, um den Wettbewerbseffekt zu verstärken, immerhin geht es um „Deutschlands bestes Kochbuch“. Erst beim Endergebnis wird dieser Begriff auf „Galileos bestes Kochbuch“ reduziert, aber wer schaut so einen Bericht schon bis zu ende?
Nach einem zweiten Werbeblock werden wissenschaftliche Studien auf ihre Seriosität gecheckt. Offensichtlich um den Wert der eigenen Berichte der Sendung zu verbessern, werden Studien mit Zeichentrickfiguren und Wortspielen wie dem Zusammenhang „zwischen Kinnspitze und Spitzheit“ bei Frauen, die öfter fremdgehen ins Lächerliche gezogen. Die Wissenschaftler zappeln herum, machen lustige Geräusche und am Ende werden die Ergebnisse ihrer Studien hinterfragt.
Aber zum Glück wird es anschließend wieder richtig wissenschaftlich, wenn Pro7 Piratenmythen untersucht. Zufällig hat der Sender drei Tage später mit „Fluch der Karibik 2“einen Blockbuster im Programm, der sich auch um Piraten dreht. Wie in der gesamten Sendung werden auch hier mit pseudowissenschaftlichen Methoden drei Mythen untersucht. So wird z.B. versucht, mit einer Kanone ein Schiff zu versenken. Allerdings wird ein „kleines Schiff“ genommen und daher auch eine „kleine Kanone, damit das Verhältnis stimmt“. Es wird nicht genauer darauf eingegangen, wie diese Verhältnismäßigkeit bestimmt wird. Wissenschaftlich ist das nicht. Aber die Fragestellungen werden immer und immer wieder wiederholt, bis die Ohren bluten (was ich allerdings wissenschaftlich auch nicht belegen kann).
Insgesamt handelt es sich bei der Sendung Galileo auf Pro7 um eine Infotainmentsendung, die inhaltlich fragwürdige Beiträge in pseudowissenschaftlicher Weise darstellt und dabei Information und Entertainment in einer der Zielgruppe angemessenen Art mischt und verbreitet und die dabei auch nicht vor Productplacement zurückschreckt, während sie gleichzeitig den Anschein von Wissenschaftlichkeit zu vermitteln versucht. Es gibt keine klar erkennbaren Grenzen zwischen Werbung und Programm, die Beträge selbst sind sprachlich redundant, was ein Reinzappen und Hängenbleiben erleichtern soll. Die Schnittfolge ist schnell und jugendlich, Zeitlupenaufnahmen lassen schnelle Bewegungen noch spektakulärer erscheinen, Themen und Präsentation sind an einem jugendlichen Zielpublikum ausgerichtet. Inhalt und Qualität können (und wollen) jedoch bei weitem nicht mit vergleichbaren Sendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mithalten.

Mittwoch, 18. März 2009

Kondome schützen!






















Und ICH sah dass es gut war.

Dienstag, 17. März 2009

aufruf

im namen der bundeswehr geben wir kund und zu wissen:

nachdem die bundesregierung das recht auf kontrollierten waffenbesitz mit sofortiger wirkung abgeschafft hat und keine privatperson mehr schußwaffen besitzen darf, gibt es für alle schießwilligen nur noch eine lösung: treten sie noch heute der bundeswehr bei und erleben sie nach nur zwei jahren grundausbildung ihren ersten persönlich amoklauf. töten sie taliban in aghanistan und ernten sie endlich die anerkennung, die ihnen ihre freunde und ihre familie ihnen nicht geben konnten! die tapferkeitsmedaille wartet auf sie!

eilmeldung

luftburg (niedersachsen): in der realen schule luftburg kam es am dienstag morgen gegen 11:13 uhr zu einem amoklauf. medienberichten zufolge sei der ehemalige schüler tom k. (17) in den laufenden unterricht einer elfenklasse getreten und habe vor den versammelten schülern den religions-lehrer mit einer dvd des egoshooters farcry2 direkt in den kopf geschossen. eine schülerin sei von einer original-counterstrike-cd schwer verletzt worden. in der klasse sei panik ausgebrochen, als der amoklaufende weitere dvd-hüllen aus seinem scout-rucksack geholt habe. "das kann ich nur weil ich seit jahren egoshooter spiele!" soll der täter auf den gängen der schule gerufen habe. inzwischen ist das schulgelände von der polizei umstellt. sondereinheiten des bundesgrenzschutzes und der bundeswehr sind angefordert worden. diverse gewaltverherrlichende spiele und sogar musikvideos soll tom k. noch besitzen. erste informationen besagen, dass er als kind in einem tischtennis verein war. in der schule sollen sich deswegen unbeschreibliche szene abgespielt haben, als der amokläufer mit einer lehrerin regelrecht pingpong gespielt haben soll. zehn schüler seien inzwischen mit dvd-verletzungen ins krankenhaus eingeliefert worden. andere würden psychologisch betreut. "dsds habe die jugendlichen anscheinend nur äußerst unzureichend auf solche anforderungen ihres alltags vorbereitet, darüber werden wir medienvertreter nachdenken müssen", erklärte ein medienvertreter diesem blog.

Freitag, 13. März 2009

»Die Einsamkeit, möglicherweise«

Über die Moral der Figur Benigno in Pedro Almodóvars Hable con ella

Die Schlüsselszene des Films befindet sich bei Filmminute 55 genau in der Mitte des Films:

Benigno ist Mittelpunkt eines Gespräches unter Kolleginnen. Im Gegensatz zu seinem Freund Marco, dem als attraktivem spanischen Mann wie selbstverständlich ein großes Geschlecht attestiert wird, wird die Behauptung, der untersetzte Benigno sei schwul, unhinterfragt akzeptiert.

Foucault untersucht in seinem Werk „Sexualität und Wahrheit“ die diskursiven Mechanismen, mit welchen die vorherrschenden Machtverhältnissen die Sexualität bestimmen, denn diese, so Foucault, werden durch gesellschaftlichen Diskurs und performative Handlungen erst erzeugt. Judith Butler geht sogar noch einen Schritt weiter, indem sie Menschen, die außerhalb der heterosexuellen Matrix stehen, den Subjekt-Status innerhalb der Gesellschaft gänzlich aberkennt. Dem Normierungsdruck ist jedes Subjekt in der Gesellschaft unterworfen, sofern es als intelligibel gelten möchte.

Die Verhältnisse, unter denen Benigno aufwächst, entsprechen nicht einer normalen Sozialisation, was dazu führt, dass auch seine Persönlichkeit nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht.

15 Jahre lang pflegte er seine Mutter in einer Art symbiotischer Mutter-Kind-Beziehung. Der Vater vermutlich in Schweden, richtete Benigno sein Leben gänzlich auf die Erfordernisse seiner Mutter ein, die er nicht als behindert bezeichnet, sondern als faul. Erst zwei Monate nach ihrem Tod wendet er sich der Tänzerin Alicia zu.

Den abwesenden Vater in Schweden scheint Benigno weitestgehend verdrängt und dessen Rolle in der Beziehung zur Mutter eingenommen zu haben. Laut Freud tendieren vaterlose Kinder dazu, ihre Aggressionen zu verdrängen, da der in der Ferne idealisierte Vater keine Angriffsfläche für den Ödipuskomplex bietet und die Angst vor einem möglichen Verlust der Mutter zu stark ist, um ihr gegenüber den Aggressionstrieb zu leben. Es führt dazu, dass sie nicht so männlich wirken wie Jungen, die mit einem Vater aufwachsen, und eine starke Loyalität zur Mutter entwickeln. Für Benigno ist diese enge Beziehung zur Mutter ganz normal, und auch ihre vermutlich vorhandende Behinderung wird von ihm durch die Bezeichnung Faulheit normalisiert, während er sie damit unterbewußt aber auch anklagt.

Als diese enge Bindung mit dem Tod der Mutter wegbricht, sucht sich seine Liebe ein neues Projektionsobjekt, die Tänzerin Alicia, und er beginnt zum ersten Mal die Nähe eines anderes Menschen zu suchen, weil ihm, wie er dem Psychiater und Vater von Alicia gesteht, seine Mutter fehlt. Auf dessen Frage, warum er einen Psychiater aufsuche, antwortet er zögernd:

„Weil ich einsam bin, glaub ich.“

Alicias ablehnende Reserviertheit gegenüber Benigno ist in den zwei Aufeinandertreffen der beiden deutlich spürbar. Nur durch den Unfall und das daraus resultierende Koma kann der gelernte Krankenpfleger ihr unkompliziert und ohne Zurückweisung befürchten zu müssen nahe kommen und seine Liebe in der aufopfernden Pflege leben.

Er schildert seinen Lebensalltag mit Alicia als die schönsten vier Jahre seines Lebens. Seine Freizeit besteht darin, ins Ballett oder Kino zu gehen, um der im Koma liegenden Patientin davon zu berichten. Seinem Freund Marco, der den Körper seiner im Koma liegenden Freundin Lydia nicht wiedererkennt, gibt er Lebensratschläge, die dieser unwirsch mit der (dreimal wiederholten) Frage begegnet: »Welche Erfahrungen haben Sie mit Frauen gemacht?« woraufhin Benigno schließlich antwortet: »Na alle, ich habe 20 Jahre mit einer Frau gelebt und seit vier Jahren mit dieser hier.«


Benigno lässt Alicia die selbe Pflege und Aufmerksamkeit zukommen wie zuvor seiner Mutter. Alicia nimmt ihre Position ein. Das kindliche Liebesempfinden Benignos zur Mutter überträgt sich auf sie, ohne dass ihm diese Zusammenhänge bewusst wären. Das empfundene Glück resultiert dabei nicht aus der Körperlichkeit, sondern aus der Freizeit, die er für die im Koma Liegende erlebt und die ihm erst seit dem Tod der Mutter, die ihm noch den Blick aus dem Fenster verboten hatte, möglich ist. Benignos Liebe ist noch eine Objektliebe. Während die Kamera einerseits die Pflegearbeit mit der größtmöglichen Distanz und Routine schildert, bietet sie andererseits dem Zuschauer einen voyeuristischen Blick auf den Körper der Tänzerin und auf seine weiblichen Attribute.

Verstärkt wird dieser Blick durch die anderen Figuren, die ihre Vorbehalte gegenüber der Pflegetätigkeit Benignos deutlich machen. Neben dem Pflegepersonal und Marco sieht sogar Alicias Vater seine Tochter in ihrer Geschlechtlichkeit. Die dadurch auftretende Eifersucht kann nur durch Benignos Schutzbehauptung, schwul zu sein, also eben unter Verlust seines intelligiblen Subjektstatus, begegnet werden. Alicias Körper bewahrt Benigno eher wie ein Objekt, wie ihre Haarsprange, als Bindeglied zu der lebenden Tänzerin, die sie war, beziehungsweise in ihrem weiblichen Gehirn (als Mysterium) noch ist.

Dann aber kommt es zu der entscheidenden Veränderung. »Amante menguante« heißt ein Stummfilm, den Benigno in der Cinemathek sieht. Angelehnt an Jack Arnolds The Incredible Shrinking Man wird eine Geschichte erzählt, die Benignos Verhältnis zu Alicia grundlegend erschüttert.

In "Der schwindende Liebhaber" erkundet ein auf Däumlingsgröße geschrumpfter Mann den Körper seiner schlafenden Frau und findet sich schließlich in ihrem Schoße wieder. Die für ihn übermannsgroße Vagina scheint wie das Ziel aller Sehnsüchte, in das er zu ihrer Verzückung nach einigem Zaudern eindringt und für immer darin verschwindet.


Es könnte den Anschein erwecken, dass Benignos körperliches Begehren anhand des (im Film etwa fünfminütigen) schwarz-weißen Stummfilmes im Stil der 20er Jahre symbolisiert wird. In Wirklichkeit aber wird es durch diesen erst geweckt.

Objektiv gesehen wird ein ewig-währender Beischlaf eines kleinwüchsigen Mannes mit einer schlafenden (komatösen) Frau dargestellt. Die komplexe Symbolik geht jedoch noch darüber hinaus, was nach dem Filmbesuch Benigno in eine großen Verwirrung stürzt.

In dem Film begegnet ihm zum einen eine Liebe zwischen einem Mann und einer Frau, in welcher der Mann der Frau seine Liebe beweisen muss, was dazu führt, dass er schrumpft, also an Wert verliert. Zum anderen wird die Mutter, zu welcher der Mannes flieht, als eine schreckliche Frau beschrieben; aus ihren Händen rettet die Frau den kleinen Mann.

Benigno erkennt nach dieser Rettung den Körper der Frau zum ersten Mal als Sexualobjekt, in das der „kleine Mann“ (der Penis) eindringen möchte. Zugleich ist der kleine Mann ein geschrumpfter Mensch, der als ganzer Mensch wieder in den Schoß der Mutter zurückkehren kann, um wunschlos glücklich (also nie mehr einsam) zu sein. Da die Wahrnehmung der Schlafenden auf eine unterbewusste Wahrnehmung der Reize beschränkt ist, kann sie ihrem Liebhaber keine Aufmerksamkeit und (nach Butler) auch keinen Subjekt-Status gewähren, sondern hat sogar Angst, ihn zu töten. Hergestellt jedoch wird durch Initiative des Mannes die ganz bewusste und unmittelbare Verbindung der beiden über das Eindringen in die Vagina der Schlafenden.

Für Benigno, dessen Liebesempfinden an der engen Beziehung zur Mutter geschult wurde und dessen größte Angst darin bestand, von dieser verlassen zu werden, wird also von der Außenwelt (in Form eines Stummfilms, das heißt indirekt über performative Akte, also den allgemeinen gesellschaftlichen Diskurs) suggeriert, dass dieses absolute Verschmelzen, die Anerkennung als intelligibles Subjekt und die Wahrnehmung durch die Schlafende durch den sexuellen Akt herbeigeführt werden kann, und dass der Versuch, die Einsamkeit für immer zu überwinden, ein Vollständig-Sein mit einem anderen Menschen (Alicia) zu erreichen und (mit der Schlafenden) einen direkten Kontakt herzustellen, nur durch den Beischlaf erreicht werden kann.

Eine Lavalampe ist zu sehen, die zuerst die beiden Bildhälften miteinander verbindet, sich dann aber in der Mitte wieder trennt.

Benigno erfährt am eigenen Leib, dass der von ihm herbeigesehnte Zustand der Verschmelzung nicht zu erreichen ist. In der folgenden Szene ist eine Verunsicherung bei ihm zu spüren, als er darüber spekuliert, worüber die beiden im Koma liegenden Frauen wohl miteinander reden würden. Die offenherzige, immer fröhliche Person ist ist ernst und besorgt. Alicia hat für ihn nun Brüste, sie ist von der Muttergestalt zur Frau geworden, die Distanz, die nun aus seiner Objektliebe eine geschlechtliche Liebe macht, ist für ihn nicht zu überwinden. Während er bislang seine Euphorie im Umgang mit Patienten auf Marcos Beziehung zu Lydia projizierte und ihm Tipps geben konnte, ist in seinem Denken nun die Trennung präsent, die er am eigenen Leibe spürt. So kommt er schließlich, als das Bekanntwerden seines Fehlers unmittelbar bevorsteht, auf die Idee der Heirat, die ein Paar bis in den Tod miteinander verbindet, auch dies ein gesellschaftlich-performativer Akt.

Auch hieran wird der Normierungsdruck deutlich, dem auch Benigno sich beugt. Alicia hatte den Beruf der Tänzerin. Tanzen bringt den Körper in den Vordergrund, und gerade auch das Geschlecht. So beschreibt auch die Tanzlehrerin immer wieder die männlichen und weiblichen Aspekte, die beim Tanz in einen Dialog zueinander treten und auch in einem Widerstreit zueinander stehen. Benignos Einsamkeit beruht darauf, in diesem gesellschaftlichen Tanz-Diskurs (noch) keinen Platz zu haben und von Alicia (und allen anderen Frauen) nicht wahrgenommen zu werden.

Benigno ist der Verrückte. Seine „Reise“ in die heterosexuelle Norm endet im Gefängnis. In seinem Lieblingsreiseführer über Havana, den er nach Bekanntwerden seiner Tat im Gefängnis liest, identifiziert er sich mit der Kubanerin, die am Hafen an ein Fenster gelehnt steht und auf irgendwas wartet.

Hier wird noch einmal symbolisch die Tragweite seines Problems deutlich: Auf einer Insel, fern und abgeschottet von anderen Ländern, ein idealistisches System zu leben, und doch einsam am Fenster zur Welt zu stehen, als Frau nun, sozusagen kastriert, und auf auf etwas zu warten, möglicherweise auf Anerkennung, eine Wiederaufnahme in die Gesellschaft und ein Ende der Einsamkeit.

Das Urteil, das schließlich von der Gesellschaft über Benigno verhängt wird, ist ein Urteil der heterosexuellen Gesellschaft, die ihre Vorstellungen (und ihre Triebe) auf das ihnen fremde Subjekt Benigno überträgt. Aus einem (möglicherweise) einmaligen Zwischenfall wird ein Missbrauch, der die aufopferungsvolle, über Jahre praktizierte Hingabe mit einem Schlag vernichtet, und ihn sogar bei der, ihn als einzige als intelligibles Subjekt außerhalb seines geschlechtlichen Körpers akzeptierenden Person Rosa zu einer Persona-non-grata werden lässt.

Nur Marco, der zehn Jahre lang ebenfalls in eine Phantasie-Gestalt, die nur in seinem Kopf existierte, verliebt war, bleibt ihm verbunden. Im Gefängnis deckt sich Marcos Spiegelbild mit Benigno.

Doch kann Marco, der mit allen Figuren des Films in Kontakt steht und dessen freundschaftliches Verständnis Almodóvar im Zuschauer wecken möchte, Benigno letztendlich nicht retten. Wiederum sind es die Interventionen der Gesellschaft (Abschiebung in Untersuchungshaft), fehlendes Verständnis (Vorgehen des Anwalts) und der gesellschaftliche Diskurs (Berichterstattung der Zeitungen, die Verurteilung seitens des Personals) die eine Lösung verhindern, so dass Benigno sich letztendlich selbst für sein, ihm durchaus bewusstes Fehlverhalten bestraft. Sein Suizid ist der letzte verzweifelte Versuch, aus dem Gefängnis, in dem sein Leben der Insasse ist (und das noch im Bau ist, daher so gut wie leer), zu fliehen und in eine Zukunft zu entkommen, in der er einem Menschen nah zu sein glaubt, also der Einsamkeit zu entkommen, was ihm die Gesellschaft immer verwehrte.

Das wirkliche Ausmaß und die Schwere seiner Schuld existiert am Ende, da nicht im Film präsentiert, nur in der Vorstellung und Phantasie des Zuschauers. Benigno wird somit wieder Opfer eines Diskurses, deren Machtverhältnisse nur der Zuschauer beeinflussen kann. Dieser ist bei seinem Urteil auf sich allein gestellt und hat die Wahl, ob er es sich dabei einfach macht oder nicht.

Dienstag, 10. März 2009

vögeln

wir zwitschern unsere musik mit kleinsten variationen. und auch wenn der duden seinen sprachschatz in jeder auflage erweitern muss um das ein oder andere junge wort und die rechtfertigung einer neuauflage, es bleibt bei den kreisen, die wir kennen, die jeder nutzt und niemand beweint. wir besingen unsere themen mit stets den gleichen noten. wir behalten den rhythmus, den wir verlassen, stets lang genug, dass wir ihn wieder aufnehmen können. wir springen umher wie kleine moleküle auf der heißen tektonischen herdplatte und landen doch immer wieder auf den füßen, gliedern uns wieder ein, finden uns ein in der wohltat der verständlichkeit neu zurecht, in den armen der vernunft finden wir trost, weil trost auch immer vernünftig ist. oder wir kratzen ab. zack zack geht das. das ist ein crescendo, aber auch das kein neuer ton in der symphonie, nur die winzige pause zwischen zwei achtelnoten, kaum hörbar. doch wie die vögel müssen wir singen. unter der dusche oder auf den hausdächern der virtualität. im radio oder hinter vorgehaltener hand. wie man es von uns erwartet oder die lüge als variation der erwartung nutzend. als ganze note oder mit etwas glück als harmonie zweier halbnoten. unser käfig sind die goldenen federn unseres kleides.

Donnerstag, 1. Januar 2009

zitate zum jahr 2009

Zehn Aphorismen aus Büchern von Robert Lembke:

1. Anerkennung ist eine Pflanze, die vorwiegend auf Gräbern wächst.
2. Wenn die Menschen nur über Dinge reden würden, von denen sie etwas verstehen - das Schweigen wäre bedrückend.
3. Das Fernsehen hat feste Regeln. Bei den Western gewinnen immer die Guten, bei den Nachrichten immer die Bösen.
4. Erwachsene nennen ihre Teddybären Ideale.
5. Mit einigem Geschick kann man sich aus den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, eine Treppe bauen.
6. Kein Mensch ist so beschäftigt, dass er nicht die Zeit hat, überall zu erzählen, wie beschäftigt er ist.
7. Mitleid bekommt man geschenkt, Neid muss man sich erst mal verdienen.
8. Am sensibelsten reagiert man auf Vorwürfe, die man sich selbst schon gemacht hat.
9. Das Fernsehen ist eine Einrichtung, die uns Filme, derentwegen wir nicht ins Kino gegangen sind, ins Haus bringt.
10. Wenn die Leute sagen, sie hätten ihr Herz verloren, so ist es meistens nur der Verstand.

(quelle: spiegel.de)

Samstag, 27. Dezember 2008

der zerbrochene turm

wieder schreit dies glockenseil nach gott und ich
vernichtet vom klang einer totenglocke
die wenigen schritte über die steine zum kreuz
zu weit / für nackte füße

niemand erkennt mich ich bin unsichtbar ein
schatten und ihre schwankenden leiber
dauern mich - der himmel verzerrt ein
sonnenstrahl der jeden stern / schändet

inzwischen reißen glocken einen turm inzwei
und unter der haut schneiden zungen sich durch das fleisch
meine bis heute vergeudete stimme
mein gott / ich bin nur ein sklave

was bin ich dass ich nicht lebte verrottet
in einer tiefe / tote wege begleiten mich
verstummte gesänge begleiten mich kein weckruf nur
flache echos / die überall zeugen

eine welt zerbrochen zwischen autos zügen flugzeugen
rascher wahn der liebe nicht mehr
als ein luftzug und niemand / wohin ich auch lange
zerweifelt nach einem ort

reden alles reden verwandelt in luft jedes gefühl
ein abgas in der eigenen nase
welche wunden überzieht etwas haut welche sind
an den rändern zerklüftet / wie gitter

blut färbt die leere in mir in der tiefsee
würde es schwarz / wie sonst soll mich erhalten was keine
antwort enthält – nur die sterblichkeit
jede kraft noch die kleinste erstickt sie

doch wessen blutstrom hörte ich in der nacht
meine venen erinnern sich an manche / nicht mehr
als ein gebet das meine brust am morgen am fenster ausrief
halt mich fest /

doch jeder turm im innern ist ohne stein erbaut
nur ein witz / das weiß schon das märchen – ein mantel
der etwas wärmt bis er durchnäßt ist
mein herz es wird stille sein

ich stehe am kreuzweg und vor mir die landschaft
die ich nicht kannte
welcher himmel umhüllt diese karge erde
welches licht leuchtet mir

(nach hart crane)

The broken tower

The bell-rope that gathers God at dawn
Dispatches me as though I dropped down the knell
Of a spent day - to wander the cathedral lawn
From pit to crucifix, feet chill on steps from hell.

Have you not heard, have you not seen that corps
Of shadows in the tower, whose shoulders sway
Antiphonal carillons launched before
The stars are caught and hived in the sun's ray?

The bells, I say, the bells break down their tower
And swing I know not where. Their tongues engrave
Membrane through marrow, my long-scattered score
Of broken intervals... And I, their sexton slave!

Oval encyclicals in canyons heaping
The impasse high with choir. Banked voices slain!
Pagodas, campaniles with reveilles outleaping -
O terraced echoes prostrate on the plain! ...

And so it was I entered the broken world
To trace the visionary company of love, its voice
An instant in the wind (I know not whither hurled)
But not for long to hold each desperate choice.

My word I poured. But was it cognate, scored
Of that tribunal monarch of the air
Whose thigh embronzes earth, strikes crystal Word
In wounds pledged once to hope - cleft to despair?

The steep encroachments of my blood left me
No answer (could blood hold such a lofty tower
As flings the question true?) - or is it she
Whose sweet mortality stirs latent power? -

And through whose pulse I hear, counting the strokes
My veins recall and add, revived and sure
The angelus of wars my chest evokes:
What I hold healed, original now, and pure...

And builds, within, a tower that is not stone
(Not stone can jacket heaven) - but slip
Of pebbles, - visible wings of silence sown
In azure cicles, widening as they dip

The matrix of the heart, lift down the eye
That shrines the quiet lake and swells a tower...
The commodious, tall decorum of that sky
Unseals her earth, and lifts love in its shower.

Der Zerbrochene Turm

- eine kurze Begegnung mit Hart Crane
(* 21. Juli 1899 in Garrettsville, Ohio; † 26. April 1932 in Florida)


Ich erinnere mich an den Golf von Mexiko. Noch nicht ganz Tag. Das Schiff, die S.S. Orizaba, schiebt sich, schwerfällig und mit rußenden Atemzügen über die ruhige See. Es geht zurück, zurück nach Amerika, von Vera Cruz nach New York, und den an Deck Stehenden klingt eine seltsame Stille. Drüben sitzt Ernest an der Reling und fischt. Ich kann ihn mir gar nicht anders vorstellen. Entweder er sitzt hinter seiner großen Angel oder hinter einer qualmenden Pfeife mit südamerikanischem Tabak.
Oder ich sehe ihn als Großwildjäger, der von Löwen träumt. Warum er auf diesem Schiff ist, ich weiß es nicht.

– Beißen sie? rufe ich zu ihm herüber.
– Das werden sie, antwortet er.

Das Lächeln eines inzwischen über Dreißigjährigen. Im Krieg noch freiwillig an der italienischen Front, als Fahrer eines Ambulanzwagens. Nach nur drei Monaten schwer verwundet zurückgekehrt. Jetzt sitzt er da als wäre nichts passiert. Körperliche Wunden verheilen zu leicht. Die Welt steuert auf den nächsten Krieg zu. Und alle wissen es.

Für einen Moment fühle ich mich unwohl, so klein auf dem weiten Ozean. Das Schiff pflügt zu beiden Seiten Wellen, die in ein paar Tagen irgendwo an einen Strand rollen werden. In der Ferne ein dunkler Streifen, vielleicht Land. Und dazwischen diese bodenlose Ebene, unter der, so friedlich, bald die U-Boote kreuzen wie unaufhaltsame Meteore.
Und Hart Crane wird schweigen, mit unendlicher Geduld.

Gerade tritt er, entspannt und ruhig wirkend, an Deck. Sein fester Gesichtsausdruck beeindruckt mich, er tritt an Deck wie ein Denkmal, über alle Dinge erhaben. Ich habe schon einiges über ihn gehört, besonders von seinen sexuellen Vorlieben, seinem Abonnement einer Matrosen-Zeitschrift – doch das sind Dinge, die mich nichts angehen. Mich interessieren seine Worte, seine Werke. Er tritt an Deck in Pyjama und Bademantel. Ungewöhnlich. Es ist Ende April, dreihundert Meilen nördlich von Havanna. Die Sonne steht frühmorgens noch nicht hoch. Der Wind ist kühl.

– Das soll 'n Dichter sein.
Ein Matrose ist an mich herangetreten.
– War letzte Nacht unten im Quartier und hat ganz schön Ärger gemacht. Wollte einen einstecken, doch hat nur Schläge kassiert.
Er lacht.
– Wird ihm vielleicht 'ne Lehre sein.

Der Mann legt seine Hand auf meine Schulter, als würden wir uns schon lange kennen. Ein Gesichtsausdruck, als wollte er sagen, dass man doch nicht Dichter sein kann. Dann schüttelt er gutmütig den Kopf und geht. Ich muss an Cranes Vater denken; der wollte dem Sohn die pubertäre Krankheit, den "poetischen Unsinn" mit gutbürgerlicher Arbeit austreiben. Er selbst war neureicher Süßwarenhersteller und betrog seine Frau. Die Ehe zerbrach nach und nach.
In einer dieser Krisen hatte die Mutter ihren Sohn zur großväterliche Plantage auf Kuba mitgenommen, eine Reise, eine Erfahrung, die den jungen Knaben für immer zeichnen sollte. In seiner eigenen Ausgrenzung, die er schon damals spürte, wurde das Meer zum Symbol einer beinahe grenzenlosen, mystischen Kraft, einer Kraft der Liebe, einer Sehnsucht nach Einheit und verlorener Harmonie. Diese Sehnsucht bestimmte sein Werk, sein Leben.

Neunzehnsechsundzwanzig erschienen die White Buildings, eine Sammlung größtenteils schon veröffentlichter Gedichte. Alle übrigen habe er verbrannt, vernichtet, heißt es. In ihnen findet die Sehnsucht ihren Ausdruck in dunkler, gedrungener Sprache. Eine tiefe Vision der wahren Natur des Menschen, mit dem Meer in ihrem Zentrum, als der menschlichen Natur verloren. Der Dichter selbst steht isoliert in einer materialistischen und kunstfeindlichen Welt, das Leben samt Leid zu einer höheren, künstlerischen Einheit zu verbinden suchend. Doch ihm selbst sollte dies niemals gelingen. So beschreibt er das Meer auch als bedrohlich, und seinen Grund als grausam.

Ich kenne ihn, ich glaube gut, wie er dort steht, hoch über dem Wasser. Mir ist, als sähe ich sein ganzes Leben vor mir. Mit siebzehn publizierte er die ersten seiner Gedichte. Er war nach New York gekommen, in die große Stadt, schloss Bekanntschaften dort, kam bis nach Paris, las und lernte. Seine Worte orientierten sich noch an den französischen Symbolisten und am Imagismus. Doch klingt in ihnen bereits eine eigene Sprache in Anlehnung an T.S.Eliot, den Hart Crane wie keinen anderen verehrte.

Gestern las ich einen Brief von ihm. Darin schreibt er, was für eine fürchterliche Versuchung es sei, Eliot zu imitieren. Es raube ihm die Sinne. Doch gleichzeitig glaubte er, einen Weg erkannt zu haben, sein Vorbild zu überwinden, ihn gleichermaßen zu durchqueren und eine positive Vision im Gegensatz zu Eliots The Waste Land zu entwerfen.
Das war zweiundzwanzig, ein Jahr später begann er die Arbeit an seinem Hauptwerk, das ihn schwierige sieben Jahre lang begleiten sollte, ein Zyklus von fünfzehn Gedichten unter dem Titel: The Bridge.

Seine Arbeit glich zu jener Zeit einem bedingungslosen Stürmen, die Visionen brachen im Rausch in schweren Schüben aus ihm hervor, durch die Wände seines Zimmers klangen die Rhythmen kubanischer Rumbas, vermischt mit dem Schlagen der Schreibmaschine und dem Gestank des Alkohols. Wenn er nach Stunden wieder auftauchte, hielt er in seiner Hand ein paar Blätter, maschinenbeschrieben, bereits korrigiert, überarbeitet, wie aus Stein geschlagen.
Das erste Gedicht trug den Titel The Brooklyn Bridge.

Diese Brücke hatte er von seinem Fenster in New York aus gesehen. Ich bat Jahre später die Vermieterin, unten auf mich zu warten.
– Jaja, schaun se ruhig. Macht 400, zahlbar am ersten, in bar und im voraus. Klingeln se unten, sonst ziehn se die Tür einfach zu hinter sich.

Die Wohnung: leer, kahl und verwaist. In der Tiefe wälzt sich laut und primitiv der Verkehr. Doch darüber, über halb verfallenen dunklen Häusern steht sie, zwischen Manhatten und Broklyn, aus Stahl, Sandstein und Granit. Die Broklyn Bridge. Eine aus dem Wasser ragende Harfe. Sie steht bei Crane für den Brückenschlag schlechthin. Sie hebt sich dem Dichter wie ein Wegweiser aus dem umgebenden Großstadtmilieu und deutet zur, von ihm gesuchten, metaphysischen Sprache des Himmels, die allem bewussten Denken überlegen ist.

Ich ziehe die Tür hinter mir zu.

Mehr und mehr machte der Alkohol dem Dichter in den folgenden Jahren dieses Aufspüren schwerer und schwerer, immer wieder kam es zu größeren und kleineren Katastrophen, zerbrochenes Mobiliar, Schlägereien, Exzesse – immer kürzer wurden die Phasen, in denen er zu arbeiten vermochte. Doch dann waren es wieder diese peitschenden Gewitterschauer, in denen er ganze Gedichte in einem Zug vollendete.

Den Zyklus stellte er am Ende unter großen persönlichen und dichterischen Zweifeln fertig. Zu lange hatte die Arbeit gedauert. Die beinahe mystische Vision, die ihnen zugrundeliegt, eine Synthese aller Rassen und Zeiten Amerikas unter einem dichterischen Brückenschlag, hatte für Crane die Zeit nicht überdauert. Die Gedichte leben in einer hermetischer Sprache und Metaphorik, welche den Sinn nicht festlegt, sondern frei fließen lässt. Doch schon weit vor dem Tag ihrer Veröffentlichung hatte der Zyklus für Crane alle schöpferische Energie verloren.
Nachdenklich, alle Kraft aus ihm gewichen, jede Spannung, jede Fähigkeit seine Gedanken in Worte zu fassen, verloren, sah man ihn häufig schweigen die letzten Tagen.

In Mexiko vollendete er noch sein letztes großes Gedicht. Vielleicht sein bestes. The broken tower. Ein Liebesgedicht, das hin und her schwankt zwischen innerer Zerrissenheit und der Hoffnung auf einen neuen, heilen, inneren Turm, den er doch nie gefunden hat.

Vielleicht, denke ich, ist dies der Weg einer an der eigenen Andersartigkeit zugrundegehenden Seele, der auf dieser Welt jede Stütze verwehrt bleibt.

Nun steht er hinten an der Reling. Er legt langsam seinen Bademantel ab, hängt ihn mit Sorgfalt zusammengefaltet über die Brüstung. Er steht noch einen Moment da, in seinen Augen glänzen die Sirenen des Meeres. Man kann ihn lächeln sehen. Vor ihm liegt das letzte Versprechen seines Lebens.
Dann springt er.

Ein Augenblick – Erstarrung. Dann der Ruf: Mann über Bord! Die Matrosen eilen heran. Der fremde Körper taucht noch ein letztes Mal zwischen den Fluten auf, dann bleibt er verschwunden.

Ich schaue zu Ernest hinüber. Er sitzt ungerührt da, blickt aufs Meer, als ginge ihn dies alles überhaupt nichts an.

– Ab Juli kann man jeden Tag einen Marlin fischen, sagt er.
Und ich weiß, dass er recht hat.

Samstag, 13. Dezember 2008

die kirche verfolgt aus liebe

ich weiß nicht, ob ich das jetzt richtig verstanden habe... die kirche sagt also, wenn ich nicht an den Don glaube und das staatlich-sanktionierte schutzgeld (sic!) bezahle, komme ich gleich nach ende meines sündenhaften, weil humanistischen lebens in die hölle, wo ich ewige qualen (vielleicht privatfernsehen?!) erleiden werde. zur legitimation stützt sie sich auf die übersetzung einer übersetzung eines größtenteils vor über 2000 jahren geschriebenen episodenbuches mit texten der russenmafia aus dem gebiet des heutigen st.petersburg, als man noch glaubte, die erde sei eine scheibe und die frau aus der rippe des mannes geschaffen worden, und sie behaupten, dieses buch sei wahr, weil es direkt vom allwissenden weihnachtsmann persönlich diktiert wurde. im zweiten teil des buches geht es hauptsächlich um einen phantastischen schuldeneintreiber und arzt und tischler und chef de cuisine, der wegen einer gefälschten abstammungsurkunde vom amerikanischen geheimdienst abgemurkst wurde, nach drei tagen im grab als widergänger aber wieder auftauchte und dann mit hilfe eines traktorstrahls von außerirdischen im himmel entführt und nie wieder gesehen wurde. seitdem warten wir auf ihn und den tag des jüngsten gerichts, an dem alle mafiosi freigesprochen und auf die welt entlassen werden, wo sie zusammen mit widerauferstandenen toten zombie-mafiosi und engel alle anderen menschen erbarmungslos abschlachten werden. hm... ja... und warum noch gleich kostete es 24 euro, wenn ich bei diesem verein nicht mehr mitmachen möchte??

Montag, 3. November 2008

ein gespenst geht um

jetzt tanzen sie wieder auf den gängen. jetzt wehen wieder die schwarz rot weißen flaggen über dem römer. die hessischen sozialfaschisten demontieren sich nach einhelliger meinung der beobachter selbst. nach gebrochenen koalitionsaussagen stehen sie plötzlich, nicht einmal mehr als partei, sondern ganz alleine da. statt eines kreuzes für ein ypsilon, machen sie in hessen nun hakenkreuze für den alten brei, den ein koch in seinem stahlhelm braut. diese politik, die sich gegen ausländer, randgruppen, studenten und die natur richtet hätte für drei jahre mit guten argumenten hinters licht geführt werden können. aber am ende der wiesbadener republik kämpft die spd im sturm knapper mehrheiten lieber flügelkämpfe. statt einer annäherung an die kpd, statt etwas macht an die eigenen parteilinken abzugeben, regiert die spielplatzmentalität : wenn ich nicht damit spielen kann, soll auch niemand anderes damit spielen. der aufstieg der nsdap bei den nächsten wahlen, ihr erfolg bei den nicht-wählern, den protest-wählern gegen die linken, den abkehrern, die nun der spd den rücken kehren, all jene, die keine redlichkeit in vier abweichlern erkennen, sondern nur schwäche, werden das eigentliche desaster erst noch kommen lassen. es ist unwahrscheinlich, dass nach der nun erfolgten selbstauflösung der partei ihr stimmenanteil im linken lager verbleibt. während die spd noch ihren schwanz jagd, schnappt der rechte köter den knochen weg. die konsequenz des gewissens ist der aufrechte gang in den untergang. die spd ist tot. ein gespenst geht um, nicht nur in hessen.

Freitag, 31. Oktober 2008

warum nicht?!

alkohol ist ein nervengift. das ist etwa so, als würde ich spülmittel trinken, nur weil ich einen rausch davon kriege. also nicht, dass man mich jetzt falsch versteht, ich will niemandem raten, spülmittel zu rauchen, nur weil ich davon tierisch high geworden bin. kann man das rausschneiden?! ich meine, es gibt bestimmt leute, die probieren das gleich aus. ich will nicht dafür verantwortlich gemacht werden, nur weil andere die selbstheilungskräfte ihres körpers ausreizen. die birne wegbraten geht leichter mit rohrreiniger oder salzgitter. alles nur, weil es sich ein bißchen wie sex anfühlt und sie offensichtlich nicht genug sex haben. der rausch und die enthemmung als lebensentwurf. das ist meine sache nicht. und außerdem ist sex in der öffentlichkeit unsittlich. mir ja egal, was andere menschen in ihren vier wänden machen. meinetwegen sollen sie morgens um acht anfangen und bis nachts um elf durchsaufen, um dann in einen tiefen dumpfen schlaf zu fallen. und wie man am wochenende und auf jahrmärkten sieht, hält nur die arbeit die menschen davon ab, dies auch zu tun. die rolle der hölle als sittlichkeitswächter hat heute die angst vor dem verlust des arbeitsplatzes eingenommen. die einzige, die letzte stellschraube des gewissens. alkohol macht die birne weich wie gelee, inclusive langzeitfolgen. ich bin da lieber gehemmt. ich hänge da lieber meinen gedanken nach, bis ich meine hemmung ablege, weil ich unter uns bin. du und ich. und dann der moment, an dem wir den ganzen ballast der kultur nicht mehr brauchen. das ist mir droge genug.

Freitag, 24. Oktober 2008

die schönheit ist eine frau

Nur noch eine Stunde bis zu meinem Date – und jetzt das!

Zwei Stunden bin ich durch meine Wohnung gerannt, habe hundert meiner Lieblingsoutfits mit meinen hundert Lieblingsschuhen kombiniert, bis endlich neben allen mir bereits leidlich bekannten Problemzonen auch jene kaschiert war, von der ich erst letzte Woche in einem Frauenmagazin gelesen habe: das Kinn! Stehe seitdem jeden Morgen im Bad, schlage mit zwei Fingern wie eine Bekloppte gegen meinen Hals und hoffe, dass mich niemand beobachtet...

Also noch eine Stunde, denke ich. Ein letzter prüfender Blick auf Heidi. Die steigt irgendwo in einem hippen Vorortviertel von New York zwischen Wolkenkratzern aus einem Taxi, graziös wie eine Grazie, nach einem langen harten Arbeitstag perfekt gestylt. Wie macht sie das bloß?!

Ich trage fast identische Stilettos, ja, lächle eben noch durch meine Ralph-Lauren-Sonnenbrille, fühle mich toll! Auch wenn es in Bremen mal wieder regnet und nach dem Shopping am Wochenende noch ein langer, entbehrungsreicher Monat vor mir liegt. Egal! Ich summe einen Song von Melissa Etheridge, gehe ins Bad, trete vor den Spiegel, und dann das!

Aus dem Spiegel lächeln mir gequält die Schäden eines acht Stunden Tages entgegen: matte Augen, eingefallene Wangen und – sind das etwa erste Anzeichen von Tränensäcken?!

Ich fühle Panik in meinem Bauch aufsteigen. Als wenn der nicht schon groß genug wäre... Dabei sollte doch heutzutage jede Frau alles erreichen können, wenn sie nur will: Merkel fällt mir ein und ... und ... Mist! Aber es gibt schöne Frauen, die etwas erreicht haben, da könnte ich Hunderte aufzählen. Für schöne Frauen ist ja alles leichter!

In meiner Vorstellung bewege ich mit der rechten Hand einen Mauszeiger über den Spiegel. Mit zwei Mausklicks sind die Schluchten unter meinen Augen verschwunden, ich helle meinen Taint zwei Stufen auf, nein, besser drei, entferne die Leberflecke, über die die Jungs in der Grundschule schon gelacht haben, und wo ich schon mal dabei bin, schnell noch mein Kinn, diese "Problemzone für Frauen mittleren Alters", schon ist es runder. Da kann ich meinen Termin beim Chirurgen ja wieder absagen...

Ähm... Musste es diesen Herbst runder oder doch eher symmetrischer sein? Oscar Wilde sagte, Mode sei so unerträglich hässlich, dass wir sie alle Halbjahre ändern müssen. Vielleicht hat mein Busen ja dann im Frühjahr schon die richtige Größe... Ich schaue auf die Uhr. Eine halbe Stunde – ich muss mit den Phantastereien aufhören!

Wie ein Malermeister in einem Altbau mit Stuckverzierung trage ich in meinem Gesicht Schicht um Schicht Farbe auf. Zuerst den Concealer, dabei bemerken: Auch schon lange nicht mehr bei der Microdermabrasion gewesen... Schnell Puder und Rouge... Etwas mehr Farbe an den Augen heute, diese Augenringe – bringe Lidstrich und -schatten in farblichen Einklang mit meinem Rock. Fast bin ich wieder sechszehn, meinem damaligen Vorbild Claudia Schiffer nacheifernd. Als die zu alt wurde, wurde sie durch ein jüngeres Vorbild ersetzt. Jetzt erst fällt mir auf, dass das die Sache nicht gerade einfacher macht...

Was für einen Bauch die Heidi trotz ihrer drei Kinder noch hat. So einen Bauch hatte ich nicht mal, als ich selbst noch ein Kind war... Dafür habe ich mehr Erfahrung im Malen als ein Malermeister mit 30 Jahren Berufserfahrung... Aber besser als den ganzen Tag zu stricken. Weder mein Date, noch mein Chef würden das bemerken. Wenn ich hingegen umwerfend aussehe...

Argh! Die Falten zwischen meinen Augenbrauen bringen mich zur Verzweiflung! Immer wenn man mal Botox im Haus braucht, ist gerade keines da.

Mein Date wartete bestimmt schon. Er braucht sich nicht drei Stunden vorm Spiegel, um Humor zu proben... Männer – wenn sie schön sind, sind sie entweder vergeben oder fliegen als Astronauten gerade zum Uranus. Naja, hauptsache sie sind so reinlich, dass sie einmal am Tag das Wort 'duschen' zumindest ansatzweise denken, denke ich. Im Grund wird ein Mann doch erst richtig attraktiv, wenn er sich drei Tage nicht rasiert oder gewaschen hat, denke ich. Das ist wie mit altem Käse, der an Charakter gewinnt. Differenz nennt man das heute. Die Schöne und das Biest. Das Phantom und die Oper. Edmund und Karin Stoiber. Oder umgekehrt.

Oh, so spät schon!

Ich haste so schnell die Stilettos es zulassen die Treppe hinunter, nehme ein Taxi, bitte den Fahrer gleich, er möge doch etwas schneller fahren... Er schaut mich von oben bis unten an und schnauft dann: "Immer schön langsam mit den alten Pferden". Dann fährt er los, so langsam, dass ich in der Zeit zwölf mal auf meine Uhr schaue. Heidi Klum wäre das nicht passiert...

Sonntag, 19. Oktober 2008

geldungssüchtig

"Verfüge nie über Geld, ehe du es hast." - Thomas Jefferson (1743-1826)

in letzter zeit ist viel von schmetterlingen die rede. die leben im land der unbezahlten kredite und fressen die grünen baumwollfäden aus den geldscheinen, so heißt es. seitdem herrscht chaos bei jenen, die dieses geld ernten wollten. davor hat großmutter uns immer gewarnt. wer den pfennig nicht ehrt, hat sie gesagt, die große depression ist für sie noch mehr als ein besuch beim psychiater, und wir haben den nötig, weil wir schon bei der t-aktie nicht gemerkt haben, dass da irgendetwas faul ist. aber der krug geht eben so lange zum brunnen, bis er bricht. aus pfennig wurde cent und aus dem dollar ein taler der tränen, und für das geld, das nun in zwei wochen vernichtet wurde, muss großmutter eine ganze weile stricken. doch während wir hier hektisch anteile verkaufen und dort fondanteile streichen, bleibt sie ganz ruhig. geld macht nicht glücklich, sagt großmutter entspannt in ihrem schaukelstuhl. aber warum sonst bürgt der staat für das ersparte der bürger mit jenem geld, das die bürger nicht gespart haben? fragen wir. da weiß oma auch keine antwort. und in unseren träumen besteht frankfurt plötzlich nur noch aus kartenhäusern und die straßen sind voller schmetterlinge. ganz schöner sturm da draußen! großmutter aber liegt ruhig in ihrem bett, ertastet ihren sparstrumpf unter der matraze und träumt von all den schönen sachen, die sie sich eines tages davon kaufen wird.

Dienstag, 14. Oktober 2008

ich merke, dass ich wieder vermehrt zeit auf dem klo verbringe (friederike schreibt, es wäre wie das auspressen einer sehr harten zitrone), doch bei mir ist es der einzige ort, an dem ich in ruhe die letzten ausgaben der zeit lesen kann. in meiner wohnung finde ich überall zeit und ort für kultur, da ich kultur als den eigentlichen progress der humanistischen evolution betrachte (sic!), ist . dabei habe ich mich gefragt, ob die entstehung des desinteresses zum medium fernsehen den exodus der kultur aus diesem medium begründete oder ihm folgte. wenn ehrenpreisträgern des mediums fernsehen erst während der preisverleihung auffällt, dass der preis von sendern verliehen wird, die man schon seit jahren bewußt nicht mehr schaut, was ist dann passiert? kultur, im sinne von hochkultur, war schon immer ein fall für den elfenbeinturm. kanonbildung erfolgt unter ausschluß der öffentlichkeit, vor allem unter ausschluß des zeitgeistes, da herausragendes nur unter einbeziehung des faktors zeit im vergleich zu anderen werken seiner zeit heraussticht. die nutzbarmachung neuer medien erfolgt unter ausschluß jener alten mediennutzer, die alten medien mehr nutzen und kultur zusprechen können. neue medien bieten so, in verbindung mit den mechanismen der marktforschung, allein raum für die jugendkultur. auf die frage : muss fernsehen kultur haben? kann also einfach die antwort folgen, dass selbstverständlich der jugend ein forum gegeben wird. das problem ist nur : der geist wächst an seinen aufgaben. wenn die verantwortlichen das fernsehen als medium des abschaltens begreifen,

Samstag, 11. Oktober 2008

haiderdaus

es wäre natürlich schön gewesen, wenn die österreicher sie abgewählt hätten... aber damit kann ich auch leben.

die blanko-diktatur (war bankophil)

wenn ich einer bank geld schulde, und diese bank geht bankrott, dann geht mein kredit an den insolvenzverwalter über und ich bin so arm wie zuvor. aber wenn die bank mir geld schuldet, ich also große summen angelegt habe oder auch kleine, und irgendein franzl macht dann in luftige hypotheken und alle erdnüsse sind futsch (sagt herr verarschermann), dann kann ich durch die bank sagen, da komme ich mir doch ein wenig verarscht vor. in fünfzig jahren gibt es keinen einzigen (eßbaren) fisch mehr in den weltmeeren. eine 700 milliarden spritze zur rettung der weltmeere oder des klimas? nein, alles worum bankmanager und wallstreetgrößen fürchten müssen, sind ihre jobs. was letzthin kein problem ist, da sie ihr geld vermutlich in sparbüchern angelegt haben. statt manager und bankangestellte mit persönlichem reichtum haften zu lassen, verpflichten sich die g7 länder selbstverständlich staatliches kapital in ausreichender menge zur verfügung zu stellen. das ist schön, vor allem da der staat ja überhaupt kein eigenes kapital erwirtschaftet. oder haftet nun herr steinbrück mit seinem persönlichen kapital?
am ende kann ich nur froh sein, dass ich nichts habe. dass ich seit jahren kein geld habe und auch in jahren noch kein geld haben werde. banken interessieren mich null. mich interessieren die weltmeere, in denen wir bald alle nur noch kleine fische sind.

Freitag, 5. September 2008

die auswechselbarkeit des wortes

texte können selbstverständlich beliebig sein (schlechte texte), texte können auch exakt sein (gute texte), aber exaktheit ist letzthin selbst nur beliebig. auch freunde und beziehungen sind letzthin beliebig (siehe Die Zeit 37, 4.9.08). alles andere zu behaupten, bei wort oder freunden, hieße, ein fatum zu konstruieren, und da würden die probleme erst richtig anfangen.

die austauschbarkeit eines wortes mindert nicht dessen wert. ein text ändert sich, ein assoziationsraum, eine intonation. doch zur beurteilung < gut / besser > ist eine vergleichsmöglichkeit notwendig, die niemals existiert, da die möglichkeiten der ausformung von gedanken unendlich sind. wittgenstein spricht auch von "familienähnlichkeit". ebenso anwendbar auf partner, gesellschaft, welt etc. dass alles ist wie sie ist, macht es nicht schlechter oder besser. auch wenn es anders sein könnte.